Gentle Monster im Kino: Zwischen Loyalität und Entsetzen
Als Lucys Mann vorgeworfen wird, kinderpornografisches Material verbreitet zu haben, bricht für sie eine Welt zusammen. Marie Kreutzers neuer Film schafft ein Unbehagen, das lange nachhallt.

Die französische Musikerin Lucy (Léa Seydoux) ist mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp), der mit seinem Job als Fernsehjournalist hadert, und dem gemeinsamen Sohn Johnny aufs Land gezogen. Das neue Refugium ist noch provisorisch eingerichtet, der Junge kann bereits auf seinem neuen Trampolin im Garten herumhüpfen. Und dann steht plötzlich die Kriminalbeamtin Elsa (Jella Haase) mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür: Philip soll kinderpornografisches Material weiterverbreitet haben.
Für Lucy bricht eine Welt zusammen. Ist alles nur ein Missverständnis? Sollte sie loyal zu Philip sein, oder hat sie Jahre ihres Lebens mit einem Fremden geteilt? Diese Ungewissheit ist quälend, und Marie Kreutzer („Corsage“) macht es auch dem Publikum nicht leicht. Das Unbehagen, das sich unweigerlich einstellt, hallt auch nach Ende des Films noch lange nach.
Denn Marie Kreutzer stellt in ihrem Drama nicht die Ermittlungsarbeit und damit den Täter ins Zentrum, sondern dessen nächste Angehörige mit ihren Zweifeln und Ängsten. Wird Philip womöglich unrecht getan, oder war vielleicht sogar der eigene Sohn in Gefahr? Lucy droht diese Unsicherheit zu zerreißen. Liebe und Ekel, Loyalität und Entsetzen – Léa Seydoux spielt diese emotionale Ambivalenz, insbesondere in den ganz stillen Momenten, mit enormer Wucht und Präzision. Die Nebenhandlung um die ermittelnde Kommissarin fügt dem Film eine leise, aber wirkungsvolle Reflexionsebene hinzu: Während sie beruflich Missbrauch aufdeckt, erlebt die stets kühl und klar strukturiert arbeitende Elsa, wie ihr an Demenz erkrankter Vater (Sylvester Groth) die Pflegekraft belästigt – und wie schwer es selbst ihr fällt, konsequent zu handeln. So entsteht ein feines Echo zwischen beiden zentralen Frauenfiguren, die beide lernen müssen, die ihnen nahestehenden Männer nicht länger zu schützen.
Film

Sehenswert

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