Im letzten Akt des Lebens: Arab Strap im Interview
Die schottische Indierock Band Arab Strap feiert 30-jähriges Bestehen. Da geht es für Sänger Aidan Moffat vor allem um Endlichkeit – aber auch um Vaterschaft in Zeiten der Manosphere.

Aidan, die Endlichkeit der eigenen Existenz läuft wie ein roter Faden durch das neue Album „Half-Told Tales“. Du bist jetzt in den Fünfzigern. Die erste Hälfte des Lebens ist fast definitiv vorüber – was ändert das? In „Fragments“ klingt es fast so, als würdet ihr das Leben jetzt rückwärts denken.
Aidan Moffat: Die Vergänglichkeit und die Zeit finden sich in allen Texten wieder, ja – das war aber nicht geplant. Je mehr ich schrieb, desto deutlicher wurde das Motiv. „Fragments“ wurde als letztes geschrieben, da war das Motiv schon offensichtlich, also hat es den Song maßgeblich beeinflusst. Die halberzählten Geschichten, Leben, die zu früh endeten – das begegnet einem in den Fünfzigern leider zu häufig. Und ja, du hast recht: Mir ist bewusst, dass ich meinen letzten Akt lebe. Ich werde auch etwas besessen von dem Alter, in dem Leute sterben – in Schottland ist die Lebenserwartung echt niedrig, besonders bei Männern unserer Generation. Mein einziger Vorteil ist, dass ich nie ein Raucher war, aber dafür zerfällt bei mir alles andere!
Wellness, Longevity und Schönheit sind alle Teil einer neuen Welle von Selbstoptimierung, die sich über Social Media verbreitet. Gleichzeitig nimmt das Gefühl von Einsamkeit zu. Studien zeigen, dass junge Menschen immer weniger Sex haben. Wir treiben immer mehr in Richtung Individualität, in der jeder sich selbst genügt. Oder bin ich da zu trostlos?
Moffat: Ja, da bist du zu trostlos. Ich denke, Social Media ist wie ein Gift, sehe aber auch, dass sich die Einstellung junger Menschen ändert. Ich glaube, es gibt aktuell eine größere Distanz, und alle wissen, dass es voller Lügen und schädlicher Inhalte ist. Für mich fühlt es sich so an, als käme eine Wende – als würden wir Social Media bald als etwas Antiquiertes sehen, das nur noch unsere Eltern benutzen. Ich glaube, der Höhepunkt ist vorbei.
Wo wir schon über Trostlosigkeit sprechen: An einer Stelle in „You You You“ singst du „I fear for my son, I fear for my daughter.“ Neben den dystopischen Gedanken in „Glamour Magick“ erkundet ihr weitere dunkle Beobachtungen über unsere Gegenwart – in „Fighting for You“ geht es zum Beispiel um das komplett gebrochene Klassenverständnis und die zunehmende Ungleichheit. Trotzdem ist das Album hoffnungsvoll und lustig. Fühlt ihr euch als Eltern und Väter einfach verpflichtet, an eine bessere Zukunft zu glauben?
Moffat: Auf gewisse Art und Weise stimmt das. Wenn ich wirklich glauben würde, dass die Welt ein hoffnungsloser und grausamer Ort ohne Zukunft wäre, hätte ich wahrscheinlich keine Kinder bekommen. Aber wie ich in „Fighting for You“ andeute, bin ich mir nicht sicher, ob die Welt heute wirklich schlechter oder besser ist als in den Achtzigern, in denen ich selbst aufgewachsen bin. Vielleicht wirkt es so, aber das ist der Effekt einer 24-stündigen Nachrichtenflut und der rücksichtslosen Natur von Social Media, die unser Gehirn umstellt. Ist die Welt jetzt wirklich schlechter als damals, mit der ständigen Gefahr eines Atomkriegs, Terrorismus, Massenarbeitslosigkeit und Thatcherismus in England? Natürlich nicht – aber es fühlt sich so an, weil wir völlig mit Informationen überschüttet werden.
Ein Song thematisiert sehr explizit das Leben als Vater. „Be a Man“ spricht über die Krise moderner Maskulinität und die Manosphere und die Frage, wie man seinem Sohn beibringen soll, was es heißt, ein Mann zu sein. Da musste ich direkt an die britische Serie „Adolescence“ denken. Hast du sie gesehen? Was hat das als Vater mit dir gemacht?
Moffat: Ich habe „Adolescence“ gesehen und fand sie brillant gemacht und geschauspielert. Die Einstellungstechnik in einer einzigen Einstellung war unglaublich, und es hat Spaß gemacht, Stephen Graham zuzuschauen. Die Serie scheint einen positiven Effekt auf die Kultur und auf Schulen gehabt zu haben, aber ehrlich gesagt kam sie auch etwas zu spät. Zu der Zeit, als sie geschrieben und gefilmt wurde, hatte ich mit meinem Sohn schon seit mehreren Jahren viele Gespräche über Andrew Tate und andere Online-Frauenhasser geführt. Als Netflix „Adolescence“ veröffentlichte, war die Incel-Kultur schon eine riesige Industrie, aber die Serie hat trotzdem ihren Job gemacht und Menschen erreicht, die bisher nicht wussten, was online eigentlich abgeht.
Eine der verstörendsten Lektionen der Serie ist, dass wir unsere Kinder immer nur bis zu einem gewissen Grad erreichen können. Es gibt einfach Codes, die wir nicht verstehen. Wie gehst du damit um, nur begrenzten Einfluss auf deine Kinder zu haben? Was machst du vielleicht anders als dein eigener Vater, um zu verhindern, gelernte patriarchale Strukturen weiterzugeben?
Moffat: Naja, man kann jeden immer nur bis zu einem gewissen Grad erreichen, nicht nur unsere Kinder. Man weiß nie wirklich, was in einem anderen Kopf vor sich geht. Ich selbst hatte nie wirklich eine Verbindung zu meinem Vater, also kann ich da auch nichts Gelerntes weitergeben, aber es ist nicht so schwer, wie man denken mag – man muss einfach vertrauen. Liebe, Respekt und Vertrauen helfen enorm, und wenn man es schafft, ihnen ein Gefühl von Freiheit und Wertschätzung zu geben und gleichzeitig Autorität und Führung zu behalten … Ach, jetzt, wo ich das alles so aufzähle – vielleicht ist es doch echt schwierig …
Euer Song scheint eine Lösung anzubieten: „Boys need love – oh, I should know.“ Ist es so einfach – brauchen Jungs einfach mehr Liebe? Oder brauchen sie auch Bildung?
Moffat: Das war eine Referenz auf die fehlende Vaterbeziehung, die ich vorhin erwähnt habe. Aber im weiteren Sinne denke ich, dass die Liebe zwischen Vater und Sohn nicht oft genug thematisiert oder gefeiert wird. Als Kind der Siebziger und Achtziger war das nie Teil der Gespräche mit Eltern, als ich jung war. Es war einfach akzeptiert, dass Väter still, autoritär und distanziert sind. Das hat sich inzwischen verändert, aber da muss noch mehr Arbeit geleistet werden. Auf perverse Weise tragen die Manosphere und die Incel-Kultur vielleicht sogar dazu bei, wie wir diese Beziehungen betrachten und diskutieren. Ich drücke die Daumen.
Im letzten Lied singt ihr: „Even the planet isn’t punctual. 1972 was two seconds longer than 1971. A hundred days later, I took my first breath. Twenty-nine years after that, I met your mum.“ Es ist eine wunderschöne Zeile über die Kontingenz der Welt. Aber statt Nihilismus daraus abzuleiten, landet ihr bei Hoffnung und Handlungsfähigkeit. Mit dieser Einstellung könntet ihr es wahrscheinlich noch weitere 30 Jahre als Arab Strap schaffen. Wie seht ihr die Zukunft der Band?
Moffat: So sehr ich meinen Job auch liebe, ich sehe mich nicht mit 83 Jahren bei einem Arab-Strap-Konzert performen. Der Sänger der UK Subs ist wohlgemerkt 82 und immer noch auf Tour, also man weiß ja nie. Aber wir haben eigentlich keine Pläne gemacht, die über dieses Album hinausreichen. Wir haben überlegt, nächstes Jahr vielleicht eine EP zu machen, aber hoffentlich spielen wir die nächsten eineinhalb Jahre sehr viele Festivals und Konzerte. Dann schauen wir weiter.
Gibt es etwas, das ihr unbedingt noch zusammen erleben wollt?
Moffat: Vielleicht Glastonbury headlinen? Naja, ich war noch nie bei Glastonbury, und ehrlich gesagt ist es mir egal. Wir warten einfach und schauen, was sich ergibt.
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