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„Classic Objects“ von Jenny Hval: Das große P

Portraitfoto: Jenny Hval greift in die Kamera
Foto: Jenny Berger Myhre

Im Gespräch mit Jenny Hval über ihr neues Album „Classic Objects“ sind zwei Worte tabu. Beide haben denselben Anfangsbuchstaben.

Ist die Empörung von Jenny Hval nur gespielt? „Es ist nicht mehr Pop als alles andere zuvor“, entgegnet sie auf die Bemerkung, wie eingängig ihr neues Album „Classic Objects“ geraten ist. Nicht umsonst gelten die Veröffentlichungen der 41-jährigen Norwegerin als sehr komplex und theorielastig, zumal sie die zahlreichen Alben der letzten Jahre oft lieber als Performance denn als herkömmliches Konzert präsentiert hat.

Und überhaupt steht das mit dem Popalbum ja auch im Begleittext zu „Classic Objects“, den sie selbst verfasst hat. „Ach, das habe ich doch alles nur geschrieben, um der momentan so beliebten Kategorie der Pandemieplatte zu entgehen“, sagt sie – und lacht jetzt auch. Die Gefahr ist tatsächlich nicht gering, da parallel zum Album nun auch endlich ihr allererster Roman in deutscher Übersetzung erscheint: „Perlenbrauerei“ (März Verlag) hat sie bereits 2009 geschrieben. Indem der Roman eine Studentin in einem fremden Land begleitet und dabei Themen wie Sexualität, Begehren und Körper in den Blick nimmt, markiert er Hvals Aufbruch zu neuen, halluzinogenen Wahrnehmungsformen.

Da ist der Ausgangspunkt von „Classic Objects“ ein gänzlich anderer: Diese Songs stammen von einer Musikerin, die daheim in Oslo festsitzt, ihre Kunst nicht ausüben kann und auf sich selbst zurückgeworfen ist. Doch wenn Jenny Hval an Orte ihrer Vergangenheit zurückkehrt, geht es ihr nicht darum, bestimmte Parameter zu verschieben, um eine alternative Biografie zu zeichnen oder gar mit Nostalgie zurückzublicken.

Natürlich ist sie bei „Cemetery of Splendour“ wieder im Melborne ihrer Studienzeit, wo sie mit ihrer damaligen Band in leeren Kneipen gespielt hat. „Dieses Wandeln durch leere Räume bietet eine Möglichkeit der unmittelbaren Selbsterkundung, die auch in die Zukunft weist, den Tod hinter sich lässt und zum Wandeln eines Geists durch die Dimensionen wird.“

In „American Coffee“ zitiert ein Chor aus Krankenschwestern die Gedanken des Philosophen Brian Massami über Deleuze, was spannende Dissonanzen schafft – und dazu auch verdammt catchy klingt. Letzteres will Jenny Hval natürlich nicht so stehen lassen: „Ich habe bei der Arbeit an diesem Album auch jede Menge Songs geschrieben, die sich überhaupt nicht an den Wechsel von Strophe und Refrain halten“, sagt sie jetzt wieder mit gespieltem Trotz. Auch das werten wir mal als einen Blick in die Zukunft. Und es ist sogar einer, der extrem freudig stimmt.