Bücher

Verfolgungswahn eines Antisemiten

Buchcover „Der falsche Gruß“ von Maxim Biller

Nur 120 Seiten umfasst Maxim Billers neuer Roman, und doch hat dieser dünne Band – seit Max Czollek im Juli via Twitter verraten hat, dass Biller ihm, Czollek, die jüdische Identität abspreche – durch die Öffentlichkeit eine starke Bedeutung als Schlüsselroman erhalten. Zumal Biller wenige Wochen nach Czolleks Tweet in seiner Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit geantwortet hat.

„Der falsche Gruß“ präsentiert uns mit Erck Dessauer den reichlich durchgeknallten Sohn eines stramm kommunistischen DDR-Professors und Enkel eines jüdischen Großvaters, der zur Wehrmacht ging, um der Vernichtung zu entgehen. Dessauer selbst wird später ein geschichtsrevisionistisches Werk schreiben, in dem er das stalinistische Gulag-System zum Vorbild für die Nazi-Konzentrationslager erklärt – eine späte Parteinahme für Ernst Nolte, der in den 1980ern den Antisemitismus Nazideutschlands relativierte. Dessauers vermeintlicher Gegenspieler ist der jüdische Schriftsteller Hans Ulrich Barsilay, von dem sich Dessauer regelrecht verfolgt fühlt – eine typisch antisemitische Denk- und Verhaltensweise. Er zeigt Barsilay im Restaurant den Hitler-Gruß, befürchtet in der Folge seine gesellschaftliche Ausgrenzung und führt deshalb den Erstschlag aus: Dessauer weist Barsilay in einem Zeitungsartikel nach, in einem seiner Bücher den Besuch eines Konzentrationslagers inklusive wochenlanger Lähmung in der Folge nur erfunden zu haben.

Dessauer ist der durchgeknallte Antisemit, aber auch Gegenspieler Barsilay wird von Maxim Biller nicht geschont. Als Schlüsselroman aber funktioniert das Buch nicht. Biller lässt sich teils in Barsilay wiederfinden, allerdings mit Brüchen und manchmal nur als Zuschreibung, und bei Czollek wird es eh ganz schwierig. Die Kontroverse zwischen den beiden spielt sich wohl eher auf einer ganz anderen Ebene ab, einer politischen – frühere Interviews mit Biller liefern dafür viele Anhaltspunkte: Der Schriftsteller und Polemiker sieht Czollek als Vertreter des postmigrantischen Antifaschismus’ und misstraut zutiefst dessen zugrundeliegenden identitätspolitischen Ansatz.

 

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