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Von Sehnsucht und Enttäuschung

Buchcover „Seeland Schneeland“ von Mirko Bonné

Der Enge entfliehen: Das Grundmotiv im neuen Roman „Seeland Schneeland“ von Mirko Bonné zieht sich durch die knapp 450 Seiten umfassende Handlung, die im Jahr 1921 fast durchweg ihren Ausgang in Südwales nimmt. Merce Blackboro war dem Ersten Weltkrieg entflohen, indem er an Shackletons Endurance-Expedition zum Südpol teilgenommen hatte. Ihr Ziel verfehlte diese Expedition grundlegend, und doch endete sie nicht im Scheitern: Die erfolgreichen Anstrengungen des dafür bis heute berühmten Expeditionsleiters Ernest Shackleton zur Rettung all seiner Männer ohne Ausnahme sorgten damals weltweit für Gesprächsstoff. Doch nicht nur Merce kann nach dieser körperlichen und psychischen Grenzerfahrung nicht mehr heimisch werden. Die von ihm geliebte Ennid Muldoon hat ihren Mann im Ersten Weltkrieg verloren, weshalb sie immer deutlicher merkt, dass nichts mehr da ist, was sie in Wales halten könnte. Als Ennid ganz plötzlich nach Amerika abreist, stellt sie nicht nur das Gefühlsleben von Merce auf den Kopf. Ihre Reise ist gleichzeitig Ausdruck einer ganzen Generation von Frauen, die den herkömmlichen Rollenerwartungen auf unterschiedliche Weise nicht mehr nachkommen.

Mirko Bonné skizziert in „Seeland Schneeland“ Charaktere, die aufbrechen und alles dafür tun, um ihre Lebensziele zu erreichen. Nicht nur der Erste Weltkrieg hinterließ Lücken in den Familien und Traumata in den Seelen, auch die dem Krieg unmittelbar folgende Spanische Grippe riss Schneisen des Todes in jede Familie. Vor dem Hintergrund dieser existenziellen Erfahrungen skizziert Bonné die Wünsche und Sorgen von Ennid und Merce, aber nicht nur: auch die Sinnkrise des New Yorker Hotelkettenerben und Trinkers Diver Robey darf dieser vor uns ausleben, während Bryn Meeks, Divers Assistent, immer mehr darunter leidet, dass er sein Schwulsein nicht offen ausleben kann. Ennid, Diver und Bryn: Sie alle reisen mit dem Transatlantikdampfer Orion nach New York, Ennid in der dritten Klasse und Diver in seiner Suite. Da gerät die mit Auswanderern voll besetzte Orion in Seenot. „Seeland Schneeland“ besticht durch eine Sprache, die feinste emotionale Regungen deutlich und nachvollziehbar zum Ausdruck bringt. Wenn Mirko Bonné die Romanhandlung schildert, lässt er seine Heldinnen und Helden erleben, was passiert. Er schaut ihnen in den Kopf und erzählt feinfühlig genau von Wünschen und Plänen, von Sehnsucht und Enttäuschung. Gegenwartspolitik und auch Klatsch werden über Zeitungslektüre in die Handlung geholt, Charaktere einerseits stark über ihre Art zu sprechen definiert, andererseits ganz stark auch über das, was andere Menschen über sie denken und sagen. Auf diese Weise entwickelt „Seeland Schneeland“ eine wunderbare Tiefenschärfe im Abbild von Gesellschaft wie Individuum.

Mit „Seeland Schneeland“ hat es Mirko Bonné auf unsere Liste der besten Bücher im Februar 2021 geschafft.