Hanna Bergholm über „Nightborn“: Mutter aller Schrecken
In „Nightborn“ beschleicht eine Mutter der Verdacht, dass mit ihrem Kind etwas ganz und gar nicht stimmt. Für Regisseurin Hanna Bergholm eine Herausforderung, denn sie findet Babys eher zu niedlich.
Hanna, schon dein erster Film „Hatching“ war ein Horrorfilm über Familiendynamiken. Das setzt sich nun in „Nightborn“ fort. Was fasziniert dich an dieser Kombination?
Hanna Bergholm: Eigentlich bin ich gar kein Horrorfan! (lacht) Zumindest dachte ich lange Zeit, ich wäre zu schreckhaft, um Horror zu genießen. Aber als ich „Hatching“ gedreht habe, wurde mir klar, dass mir Geschichten über Angst sehr liegen: Sie ist eine starke Emotion, und alle haben vor irgendetwas Angst. Letztlich bin ich kein Fan davon, Filme streng in Genres einzuteilen. Man kann „Nightborn“ als Horror sehen, aber auch als dunkle Fabel für Erwachsene oder als Drama.
Und die Familie?
Bergholm: Mich interessiert dabei vor allem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Das ist die erste Beziehung unseres Lebens, und das macht sie so wichtig und fundamental. In „Hatching“ könnte man die Mutter als Antagonisten sehen, dieses Mal wollte ich ihre Perspektive einnehmen. Außerdem habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass du als Mutter manchmal so schwierige Emotionen wie Verwirrung oder Zorn fühlst, für die es keinen Platz gibt.
In „Nightborn“ ist es die Mutter Saga, gespielt von Seidi Haarla, die von Anfang an das Gefühl hat, das mit ihrem neugeborenen Kind etwas nicht stimmt – aber ihr Umfeld tut ihre Sorgen einfach ab.
Bergholm: Genau, und mir ging es besonders darum, was es mit beiden Elternteilen macht, wenn sie keinen gemeinsamen Weg finden. In diesem Film ist es der Mann, der sich ausgeschlossen fühlt. Aber der Film handelt auch davon, sich selbst zu entdecken – gerade, wenn man sich schon immer ein wenig anders vorgekommen ist und dann dieselbe Fremdheit im eigenen Kind wiederfindet.
Ein Grund, warum sich der Ehemann Jon, gespielt von Rupert Grint, ausgeschlossen fühlt, ist ja zusätzlich, dass er als Brite nach Finnland gezogen ist.
Bergholm: Er ist auf jeden Fall noch isolierter und einsamer, als er es sonst wäre. Das Haus, in dem die beiden leben, ist dann auch noch extrem abgelegen. Ich glaube, man kann schon von einer Art Kulturschock sprechen.
Gleich am Anfang des Films sehen wir die Fahrt in den Wald, die immer weiter weg von der Zivilisation führt. Besonders ist dabei, dass wir dabei nie das Auto sehen.
Bergholm: Es war ziemlich schwierig, dafür den geeigneten Ort zu finden. Wir haben in Litauen gedreht, und ich habe lange nach einem Wald gesucht, der wie ein uralter, finnischer Wald aussieht. Wir haben sehr genau geplant, wie wir die Szene drehen: Es war mir wichtig, dass wir das Auto nie von außen sehen, um uns radikal auf Sagas Perspektive zu konzentrieren. Es gibt ja im ganzen Film kaum eine Szene, in der sie nicht zu sehen ist.
Im Wald um das Haus sollen Trolle leben. An einer Stelle fragt Jon, ob Leute in Finnland wirklich daran glauben. Wie ist es bei dir?
Bergholm: Das sind die Märchen und heidnischen Geschichten, mit denen wir hier aufwachsen. Immer geht es um Trolle, Naturgottheiten und andere Kreaturen, die im Wald leben und die man respektieren sollte. Aber ich glaube nicht, dass Erwachsene da heute noch ernsthaft dran glauben. Für den Film haben wir die finnischen Sagen für unsere Zwecke angepasst. Etwa die Bäume, die wie Menschen aussehen, die haben wir uns einfach ausgedacht. (lacht)
Eine der spannendsten Entscheidungen ist, uns auch das Gesicht des Babys nie zu zeigen …
Bergholm: Ich wollte, dass das Publikum dasselbe Gefühl beschleicht wie Saga: Etwas stimmt nicht mit diesem Baby, aber ich weiß nicht, was es ist. Zusätzlich gibt es aber auch den Grund, dass Babys einfach zu niedlich sind. (lacht) Wir mussten sehr genau planen, wie wir das Gesicht verstecken. Wir haben mit Puppen gedreht, die jeweils nur eine Bewegung auf einmal ausführen konnten: Da war dann die Richtung, aus der wir etwas drehen, extrem wichtig. Aber natürlich haben wir auch mit echten Babys gearbeitet – und denen kann man nichts vorschreiben. (lacht) Wir haben immer mit drei Babys auf einmal gefilmt: Wenn eines geweint hat, haben wir es mit einem der anderen probiert.
Auch Sagas Baby weint fast den ganzen Film hindurch. Auch mit seinem Geschrei scheint etwas nicht zu stimmen …
Bergholm: Wir konnten leider das meiste Geschrei der echten Babys nicht verwenden, weil sie immer dann geweint haben, wenn sie es nicht sollten. (lacht) Es war tatsächlich viel Arbeit, die richtige Balance zu finden: Das Geschrei ist extrem nervig, aber es durfte nicht den Film ruinieren. Ich habe mich von Kehlkopfgesang und Heavy Metal inspirieren lassen: Am Ende haben wir verschiedene Babystimmen kombiniert, alle süßen Momente rausgeschnitten und hier und da auch noch Geräusche von Löwen- und Bärenjungen reingemischt. Auch das Schnarchen eines alten Mannes haben wir verwendet. Ich selbst und mein zehnjähriger Sohn sind ebenfalls zu hören.