MUSIK

„Continuum“ von Nils Wülker: Im Schmelztiegel

Portraitfoto Nils Wülker mit Trompete vorm Fahrstuhl
Foto: Thomas von Aagh

Nils Wülker, bevor wir über dein neues Album „Continuum“ reden, erst einmal Glückwunsch zum 20. Bühnenjubiläum! Wie geht es dir damit?

Nils Wülker: Ich bin vor allem einfach dankbar, dass ich mich seit 20 Jahren auf meine eigene Musik konzentrieren kann, auch dank der Menschen, die diesen Weg mit mir gegangen sind und mir das ermöglicht haben. Oft denke ich auch: Holy Shit, wie die Zeit vergeht! Aber ich habe nicht das Gefühl, jetzt nur noch Rückschau betreiben zu können. Musikalisch geht es weiter nach vorne.

Würdest du rückblickend sagen, dass sich die Jazzwelt in dieser Zeit stark verändert hat?

Nils Wülker: Einmal abgesehen davon, wie sich der Musikmarkt entwickelt hat, ist stärker ins Bewusstsein der Leute gesickert, wie vielfältig Jazz eigentlich ist. Zumindest bei Leuten, die sich nicht so sehr damit befasst haben, wird er oft als sehr eng wahrgenommen. Dabei läuft unter dem Überbegriff Jazz ähnlich viel Verschiedenes wie etwa unter Pop oder Rock – und bei diesen Genres würde auch niemand erwarten, dass einem alles gefällt. Wenn du Singer/Songwriter hören willst, aber auf einem Heavy-Konzert landest, bist du ja auch nicht glücklich. Jazz war von Anfang an ein Schmelztiegel und hat alle möglichen Einflüsse aufgesogen.

Auf „Continuum“ hast du als Nils Wülker Neues gewagt und intensiv mit einem Orchester gearbeitet. Gerade im Kontrast mit dem Vorgänger „Go“, den du fast allein im Lockdown aufgenommen hast, lässt das aufhorchen.

Nils Wülker: Generell denke ich selten über das nächste Album hinaus und lasse mich einfach davon leiten, worauf ich gerade neugierig bin. Bei den letzten Alben hat es zum Glück gepasst: Hätte ich statt „Go“ ein Orchesteralbum machen wollen, wäre ich kläglich gescheitert, weil man nicht 60 Leute im Studio hätte zusammenbringen können. Aber die Idee war schon vor dem Lockdown da. Das gilt umso mehr für „Continuum“: Den Wunsch, irgendwann einmal mit Orchester zu spielen, hatte ich schon lange. 2019 habe ich bereits einmal mit dem Orchester gespielt, wobei die Idee zum Album entstanden ist, aber aufgrund der Pandemie mussten wir alles ein bisschen schieben.

Wie war es, mit „Continuum“ für ein Orchester zu schreiben statt nur für dich selbst oder eine Band?

Nils Wülker: Das war schon mit ein bisschen Aufregung verbunden. Der Unterschied – gerade zu einem Elektroalbum wie „Go“, bei dem die Musik nach und nach im Studio entsteht – ist ja, dass du vor den Aufnahmen nicht wirklich weißt, wie es klingen wird. Aber die Noten liegen auf dem Pult, und es muss stimmen, du kannst nichts mehr an der Komposition ändern. Zum Glück war die Stimmung im Studio sehr gut – auch, weil ich die Musik wirklich für ein Orchester geschrieben habe.

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