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„Das ist die Sehnsucht“ vom Rilke Projekt: Rilke reloaded

Angelika Fleer und Richard Schönherz: Die Macher vom Rilke Projekt
Foto: Jörg Steinmetz

Seit 20 Jahren ist das Duo Schönherz & Fleer mit dem Rilke Projekt aktiv. Die Relevanz des Dichters entdecken sie immer wieder neu – etwa in Bezug auf die Flüchtlingskrise.

Herr Schönherz, Frau Fleer, Sie veröffentlichen mittlerweile den sechsten Teil vom Rilke Projekt. Was macht seine Gedichte so unerschöpflich?

Angelika Fleer: Die großen Fragen, mit denen Rilke sich beschäftigt hat, sind zeitlos: Liebe, Tod, Einsamkeit und Sehnsucht – die ja auch den Titel des neuen Albums bestimmt. Diese Themen sind heute noch genauso aktuell wie vor hundert Jahren.

Haben Sie beim Lesen direkt eine Vorstellung, wie man ein Gedicht vertonen könnte?

Richard Schönherz: Wir machen schon beim Lesen rohe musikalische Skizzen. Aber der Rhythmus und die Tonlage der Stimme spielen ebenfalls eine große Rolle. Die Interpret:innen lesen die Gedichte ja trocken ein, damit die Musik keinen Einfluss hat und die persönliche Interpretation ausschlaggebend ist.

Fleer: Erst, wenn wir die Sprachaufnahme haben, setzen wir beides zusammen. Manchmal funktioniert es auf Anhieb, manchmal müssen wir noch einmal ganz von vorne anfangen, weil es einfach nicht passt.

Auf „Das ist die Sehnsucht“ sprechen alte Bekannte wie Ben Becker, aber auch ganz neue Stimmen. Gibt es Unterschiede, wie verschiedene Generationen mit Rilke umgehen?

Fleer: Das Schöne für uns ist ja, zu erleben, dass auch die jüngere Generation wie etwa Julia Engelmann mit den Texten etwas anfangen kann. Beim „Liebes-Lied“ mit Frida Gold und Cassandra Steen zum Beispiel, das wir auch als Single veröffentlicht haben, kannten die Künstlerinnen den Text nicht. Trotzdem war sofort eine Resonanz da. Leute, die vom Theater kommen wie der Burgschauspieler Peter Simonischek oder auch Dietmar Bär, gehen natürlich wiederum ganz anders an die Texte heran.

Angelika Fleer vom Rilke Projekt über „Liebes-Lied“: „Mich persönlich freut besonders, dass wir es geschafft haben, einen „alten“ Text so in die heutige Zeit zu transportieren, dass es klingt, wie heute Musik klingt.“

Beim „Liebes-Lied“, wo der Text ausnahmsweise gesungen wird, hat mich überrascht, wie nah er an aktuellen Poplyrics ist.

Fleer: Das finden wir gut! (lacht) Es hat irgendwie etwas ganz Organisches, Fließendes. Mich persönlich freut besonders, dass wir es geschafft haben, einen „alten“ Text so in die heutige Zeit zu transportieren, dass es klingt, wie heute Musik klingt, wie heute noch gute Texte klingen.

Schönherz: Das war auch ein Grund dafür, dieses Lied vorab als Single rauszubringen.

Haben Sie davon abgesehen dieses Mal besondere Lieblinge?

Fleer: Das ist eher eine Stimmungssache, gefallen tun uns natürlich alle. Immer wieder gibt es Überraschungen, wie Texte in der Umsetzung eine ganz neue Relevanz gewinnen. Mir fällt jetzt spontan Julia Engelmanns Interpretation von „Der Sommer war so wie dein Haus“ ein. In der Poetry-Slam-Art gesprochen klingt das Gedicht plötzlich total modern. Es endet mit den Zeilen: „Und die das Dorf verlassen, wandern lang/Und viele sterben vielleicht unterwegs“. Wenn man sich das heute anhört, hat man automatisch Bilder von Flüchtlingsströmen im Kopf.

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