Punk + X: SOKO LiNX über „Punk für Leute, die Punk haszen“
Wenn die Elektropunks von SOKO LiNX streiten, wird es auch mal derb. Bei KI und Friedrich Merz sind sie sich aber schon noch einig, oder?
Siko, Oxon, als ihr an eurem neuen Album „Punk für Leute, die Punk haszen“ gearbeitet habt, ist mit Karsten Kriesel ein enger Freund der Band überraschend verstorben. Wie hat das SOKO LiNX verändert?
Siko: Karsten hat sich gewissermaßen in die Band hineingeschlichen. Ich hab das zunächst mit Skepsis beobachtet, dann aber schnell bemerkt, dass er ein tiefes Interesse hatte und wirklich dabei sein wollte. Er ist schnell zum Freund geworden, hat mitgedacht, Merch gemacht und die Öffentlichkeitsarbeit für die Band übernommen. Als Musikjournalist verstand er die Mechanismen der Industrie. Das fehlt jetzt an allen Ecken und Kanten.
Oxon: Und er war ein Blitzableiter für uns beide. Siko und ich kennen uns schon seit über 30 Jahren, wir sind beide ziemliche Charaktere. Da rumpelt es auch mal.
Heißt?
Siko: Er hat kommuniziert, wenn wir nicht mehr kommunizieren konnten. Ohne Karsten war es mitunter so derb, dass wir sogar kurz überlegt haben, ob wir überhaupt noch gemeinsam Musik machen wollen.
Und dann?
Siko: Haben wir das glücklicherweise geklärt. Obwohl selbst unsere musikalischen Schnittmengen ziemlich klein sind, ist es das Musikmachen, das unsere Freundschaft zusammenhält. Oxon geht gern zum Fußball, ich nicht. Ich geh gern in Cafés, er in Kneipen. Würden wir uns heute kennenlernen, würden wir uns wahrscheinlich gar nicht so gut finden.
Oxon: (lacht) Möglich.
Was sind denn die musikalischen Schnittmengen? Die rauszuhören, ist gar nicht so leicht. Trifft auf eurem Album doch Punk auf Rap auf Elektro auf Pop.
Oxon: Das waren damals Die Prinzen, Die Ärzte, Blink-182 und sowas. Später hat es sich dann ausdifferenziert: Ich bin beim Deutschpunk geblieben, und bei Siko ist dann eher so intellektueller Kram dazugekommen (lacht). Oder?
Siko: In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es gar kein Punk. Da wurde viel Eminem, Dr. Dre und Snoop Dogg gehört. Wirklich geprägt haben mich später aber auch Avantgarde-Musiker wie etwa Mike Patton. Deswegen war für mich klar: SOKO LiNX braucht Punk plus X.
Alles ist Remix also. So heißt es zumindest an einer Stelle eurer neuen Platte.
Siko: Man soll Dinge kopieren, die man liebt. Genies, die aus dem luftleeren Raum erschaffen, gibt es nicht.
Also unbedingt Team Moses Pelham und nicht Team Kraftwerk?
Siko: Ja, wobei ich musikalisch gesehen sogar eher im Team Kraftwerk bin. Und wenn man Ideen übernimmt, sollte man wenigstens fragen.
Was für eine Überleitung. Wem Urheberrechte nämlich total egal sind, ist die KI. Bei „KI macht jetzt Kunst“ zeichnet ihr ein sehr dystopisches Bild.
Oxon: Mich stachelt die KI aktuell eher an, meine Songs so zu schreiben, dass sie möglichst weit von KI entfernt sind.
Siko: Ich bin absolut gar kein Fan der KI. Allein aufgrund der Umweltschäden. Und die Kids verlieren die einfachsten kreativen und kritischen Skills.
Als wir 2024 das letzte Mal gesprochen haben, war der KI-Hype erst am Kommen und in Deutschland fanden gerade bundesweit riesige Proteste gegen Rechtsextremismus statt. Rückblickend hat diese Mobilisierungswelle überhaupt nichts verändert. Entmutigend, oder?
Oxon: Was Demonstrationen angeht, hat meine Resignation schon viel früher begonnen. Natürlich war ich auch schon auf Nazi-Gegendemos, als bei uns etwa die JN aufgelaufen ist, aber die werden dann geschützt, und Leute aus den eigenen Reihen müssen mit Repressalien rechnen.
Siko: Ich habe auch das Gefühl, dass der parlamentarische Weg ausgeschöpft ist. Wir hatten die Möglichkeit, einen guten Bundeskanzler zu bekommen – ganz unabhängig, ob man die Partei jetzt mag, oder nicht – und dann kamen die ekligen Kampagnen von so Dreckblättern wie BILD oder Nius oder Apollo. Dass jetzt Lars Klingbeil und Friedrich Merz alles kaputt sparen, dass aktuell wieder riesige Gelder umgeschichtet und dem Naturschutz entzogen werden, während wir bei der letzten Hitzewelle in Deutschland über 5 000 Hitzetote hatten, macht mich einfach nur sprachlos.