Tanzen hilft! : Interview mit LA Priest
Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat er Indie in die Klubs gebracht. Jetzt tanzt Sam Eastgate auch mit seinem Soloprojekt LA Priest – allerdings am liebsten im Wald.

Sam, gratuliere, dir ist es endlich gelungen, elektronische Musik und Naturerfahrung zusammenzubringen.
Samuel Eastgate: Ich habe aus den Fehlversuchen gelernt. Beim letzten Album „Fase Luna“ ging es ja um meine Taucherfahrungen in Mexiko. Ich wollte diese Unterwasserwelten mit elektronischer Musik vertonen, aber das hat aber immer klotzig und klobig geklungen, sodass ich für einen fließenden Sound am Ende doch zur Gitarre und anderen Instrumenten gegriffen habe. Beim neuen Album steht die Elektronik im Kontrast zu den sehr humanistischen Texten. Durch die minimalistischen und repetitiven Arrangements wirkt der Gesang noch menschlicher.
Es funktioniert! Wenn ich „Into the Sky“ anmache, befinde ich mich sofort im Wald, es dämmert, und eine Lichtung ist meine Tanzfläche.
Eastgate: Aber das liegt nur an den Texten. Lange Zeit habe ich davon geträumt, nur noch Konzerte an besonderen Orten spielen zu können: Festivals im Wald oder auf einem Berg statt zwischen zwei Fast-Food-Shops in einer Stadt wie London. Natürlich weiß ich, dass Eskapismus ein Luxus ist. Wir müssen erklären können, warum wir uns die Freiheit rausnehmen, auf einen Berg zu steigen. Wir haben nicht genug Chancen, an diese besonderen Orte zu kommen, und meist ist es für Privilegierte leichter, die Büros eine Zeit lang hinter sich zu lassen. Mir ist inzwischen bewusst, dass ich auch mit dieser Platte wieder in Paris, Berlin, London auftreten werde. Deswegen muss es bei meiner Musik jetzt darum gehen, für jede Umgebung das Bestmögliche rauszuholen.
Die Texte leugnen unsere apokalyptische Gegenwart nicht, dennoch bringst du in ihnen Humor und ganz viel Hoffnung unter, ohne ins Kitschige abzurutschen.
Eastgate: Das war ein langer Kampf. Ich wollte bedeutungsvolle Texte, aber es sollte nicht so rüberkommen, als hätte ich etwas Schlaues zu sagen oder gar Antworten. Früher habe ich das so gemacht, und die Zeilen, auf die anfangs besonders stolz gewesen bin, waren mir schon nach wenigen Wochen unsagbar peinlich. Wenn etwas unangestrengt wirken soll, dauert es bei mir extrem lang. Ich muss immer weiter Text raushämmern, und manchmal entsteht Wahrheit, wenn man einfach zwei Satzhälften willkürlich zusammenschneidet.
Du hast dich schon im Lockdown wieder mit tanzbarer Musik beschäftigt und ein Album aufgenommen, das nur aus Samplen besteht.
Eastgate: Rausfinden, was nicht funktioniert. (lacht) Ich wollte den magischen Staub von etwa Daft Punk oder all diesen alten HipHop-Platten einfangen – aber das ging nicht. Trotzdem ist solches Studienmaterial wichtig, denn während dieser Bastelei haben etwa meine selbstgebauten Drummachines ungeplante Sachen gemacht, die ich bei meinen Liveshows durchaus verwende.
„Into the Sky“ klingt wie eine Rückbesinnung auf deine alte Band Late Of The Pier, bei der auch Erfahrungen aus deinem experimentelleren Solosachen als LA Priest eingeflossen sind.
Eastgate: Im Nachhinein habe ich das auch bemerkt, aber erst nach dem Songwriting. Hätte ich mir das vorgenommen, wäre es garantiert missglückt. Tatsächlich sind auch einige ältere Songs auf dem Album, die kurz nach Late of The Pier entstanden sind. Nachdem wir auf einigen großen Elektrofestivals gespielt hatten, war ich von der Energie im Publikum und auch von der Körperlichkeit fasziniert. Ich habe damals angefangen, Heavy-Metal-Stücke zu schreiben, um dann festzustellen, dass ich dafür gar nicht die passenden Gitarren besitze. Einige dieser alten Metal-Stücke habe ich in Electroclash umgewandelt, als ich bemerkt habe, dass die Energie bleibt, auch wenn ich die Rock-Elemente rausschmeiße.
Dann wird es kein Metal-Album von dir geben?
Eastgate: Wer weiß, momentan würde ich sagen, dass der Plan nach wie vor nur aufgeschoben ist.
Musik


Im letzten Akt des Lebens: Arab Strap im Interview

Ein Funke springt über: Floating Points schreibt den Mythos der Pandora neu
Hörenswert

- Review
Throw the Dice von SOFT LOFT: So klingt Erwachsensein
Das neue Album „Throw the Dice“ der Indie-Band Soft Loft verhandelt alle Gefühlsnuancen, die das Erwachsensein mit sich bringt.

- Review
Are we gonna sing? von SAM TOMPKINS: Eine Liebeserklärung an den Vater
Sam Tompkins gibt mit seinem zweiten Album „Are we gonna sing again?“ einen intimen Einblick in die Trauer um seinen verstorbenen Vater.

- Review
Kismet von MATILDA MANN: Die Fülle des Feigenbaums
In ihrem zweiten Album „Kismet“ feiert die britische Künstlerin Matilda Mann das Leben.
