MUSIK

Hart im Nehmen

The Chicks Gaslighter
Foto: Philippa Price

Da kommst du 14 Jahre nach deinem letzten Album, das im konkreten Fall „Taking the long Way“ hieß und ein mit fünf wichtigen Grammys ausgezeichneter Triumph war, endlich, endlich, endlich zurück, um dann innerhalb von drei Monaten gleich zwei Mal vom Weltgeschehen aber sowas von überwältigt zu werden. Dass du dein Album wegen der elenden Corona-Seuche ein Vierteljahr später als geplant veröffentlichen musst, hältst du vielleicht noch aus, geht ja fast allen so. Aber dass du dann auch noch quasi über Nacht – bedingt durch eine Kombination aus öffentlichem Druck und eigener Haltung – deinen Bandnamen ändern musst, das ist dann wirklich mehr als heftig.

Neuanfang als The Chicks

Eins nach dem anderen. Natalie Maines und die beiden Schwestern Martie Maguire und Emily Strayer sind seit 1995 The Dixie Chicks, sie haben vor allem in den USA mehr als 30 Millionen Alben verkauft und sind mit ihrer klugen Kombination aus Country, Pop, Bluegrass und ein wenig Rock die erfolgreichste US-Frauenband aller Zeiten. Nach einer skandalfreien Bilderbuchkarriere wurde das Trio 2003 auch bei uns berühmt, als die texanische Hauptsängerin und Songschreiberin Maines in London auf offener Bühne gesagt hat, sie schäme sich dafür, dass der Präsident ein Texaner sei.

Jener hieß damals George W. Bush und hatte gerade mit hanebüchenen Argumenten einen Krieg gegen den Irak vom Zaun gebrochen. Das überwiegend konservative Country-Kernpublikum shitstormte sich die Seele aus dem Leib. Die Künstlerinnen reagierten indes mit dem eingangs erwähnten Meisterwerk inklusive der Nichtentschuldigungssingle „Not ready to make nice“ und zogen sich zurück – es galt, Kinder zu erziehen und ein bisschen Luft zu holen. „Um Songs schreiben zu können, mussten wir eine Weile leben“, sagt Maines (45). Was in ihrem Fall – wie auch bei den Schwestern – unter anderem bedeutete: sich scheiden zu lassen.

„Gaslighter“: Das nächste Kapitel und immer noch „not ready to make nice“

Die Trennung von Schauspieler Adrian Pasdar, Vater der zwei gemeinsamen Teenager-Söhne, war eine besonders hässliche, aber Ende 2019 endlich durch, und sie lieferte Inspirationen für fetzige neue Songs wie „Gaslighter“, das Titelstück des neuen Albums, das eine manipulative Beziehung zum Thema hat, das abrechnende und zugleich sehr eingängige „Sleep at Night“ sowie das traurige „Everybody loves you“. Koproduziert haben die Chicks ihre neuen Songs mit Jack Antonoff, den sie bei der Arbeit an „Soon you’ll get better“, einem Duett mit Taylor Swift, schätzen gelernt hatten.

Dann: der Polizistenmord an George Floyd, eine Debatte über Rassismus, das Stürzen von Denkmälern, die nachträgliche Schmähung von „Vom Winde verweht“ und die Erkenntnis, dass der Begriff „Dixie“ – ein Kosename für die US-Südstaaten, die vor dem Sezessionskrieg an der Sklaverei festgehalten haben, mithin ein Synonym für Unterdrückung und Menschenschinderei – nun nicht mehr geht. Immerhin kann wenigstens das Video zu „March March“ mit all seinen Bildern von historischen wie aktuellen Protestmärschen für Frauenrechte, LGBTQ-Gleichberechtigung, Fridays for Future und Black Lives Matter genau so bleiben, wie es vorher schon war.