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Film

The Social Reckoning im Kino: Am Ende gewinnt Facebook

Im Sequel zu „The Social Network“ beleuchtet Aaron Sorkin, wie es mit Facebook seit 2010 weiterging – und scheitert an der Realität.

Social Reckoning
Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) bekommt von Frances Haugen (Mikey Madison) Insider-Informationen über Facebook. (Foto: Sony Pictures)

16 Jahre nach Kinostart ist „The Social Network“ vielleicht höher angesehen als je zuvor: David Finchers Chronik der Anfänge von Facebook, mit einem Drehbuch von Aaron Sorkin, gilt manchen gar als einer der besten US-Filme des 21. Jahrhunderts. Das mag allerdings mehr an der Form als am Inhalt liegen: Finchers stilsichere Regie, Sorkins clevere Dialoge, perfekt kalibrierte Performances und nicht zuletzt die Musik von Trent Reznor und Atticus Ross erzeugen eine einzigartige Dynamik. Auf der anderen Seite wirkt der Blick des Films auf das Phänomen Facebook im Nachhinein fast kurzsichtig, die gesellschaftlichen Folgen, die die Plattform bis heute hat, sind höchstens in Anfängen zu erahnen, und auch Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg könnte als verharmlosend gelten, wird der Facebook-CEO doch als durchaus unsympathischer Nerd dargestellt, aber eben nicht als der gewissenlose, faschistenfreundliche Techbro, als der er sich inzwischen erwiesen hat.

„The Social Reckoning“: Leider ohne Fincher

Insofern ist die Zeit mehr als Reif für eine Fortsetzung. „The Social Reckoning“ ist eine Bestandsaufnahme all der Verheerungen, die Facebook in den anderthalb Jahrzehnten seit dem Vorgänger verursacht hat. Konkret geht es um die sogenannten „Facebook Files“: interne Dokumente, die Whistleblowerin Frances Haugen 2021 ans Wall Street Journal weitergegeben hat und dank denen wir wissen, dass die Firma wissentlich in Kauf genommen hat, dass ihr Algorithmus Nutzer:innen mit Lügen und Propaganda überschwemmt. Die Resultate kennen wir alle: Cybermobbing, politische Radikalisierung, Verschwörungstheorien, Gewalt. Relevanter könnte eine Prämisse kaum sein. Und doch ist „The Social Reckoning“ nur bedingt ein Erfolg. Weil der Film an den eigenen Ansprüchen scheitert – und weil David Fincher nicht mehr dabei ist.

Stattdessen hat Sorkin dieses Mal auch die Regie übernommen, ein Unterschied, der deutlich zu spüren ist. Alle Teile sind vorhanden: brillante Dialoge, getriebene Figuren, Zeitsprünge, jede Menge Meetings und hitzige Diskussionen. Und doch fühlt sich „The Social Reckoning“ im Ganzen zu konventionell an, als hätte man diesen Film in ähnlicher Form schon x-mal gesehen. Die beklemmende Atmosphäre von „The Social Network“, die hier noch intensiver sein sollte, kommt nur selten auf – womöglich auch, weil die Musik dieses Mal von Alexandre Desplat stammt. Vielleicht aber auch, weil Sorkin entschieden hat, die Beziehung zwischen Haugen (Mikey Madison) und Journalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) ins Zentrum zu stellen; ein naheliegender Ansatz, der allerdings stellenweise eher für Romcom-Vibes sorgt statt für die Dramatik, die eigentlich angebracht wäre.

Haugen und Horwitz, schon wieder

Grob folgt Sorkin in „The Social Reckoning“ zwei Handlungssträngen. Zunächst treffen wir Haugen, die für Facebooks „Civic Integrity Team“ arbeitet und fest daran glaubt, dass die Plattform das Potenzial hat, Menschen miteinander zu verbinden. Doch als eine Freundin von ihr durch den Algorithmus zur Rassistin gemacht wird, kommen ihr Zweifel. Nachdem ihre Bedenken intern auf taube Ohren stoßen, kontaktiert sie Horwitz, der seit kurzem beim Wall Street Journal arbeitet und den Sozialen Medien skeptisch gegenüber steht. Große Teile des Films bestehen aus den heimlichen Treffen zwischen Haugen und Horwitz, die sich in bester Sorkin-Manier verbale Schlagabtausche liefern. Doch es dauert, bis Horwitz Haugen überzeugen kann, die ihm gelieferten Informationen auch zu belegen. Leider bekommt die immer gleiche Dynamik dieser Treffen – Haugen enthüllt etwas, das der technisch unversierte Horwitz nicht versteht, Haugen erklärt die Enthüllung, Horwitz fordert, dass sie ihm Beweise beschafft, Haugen behauptet, das sei das letzte Treffen gewesen – mit der Zeit etwas Repetitives.

Zuckerberg wird erwachsen

Der andere Handlungsstrang spielt 2021: Zuckerberg, dieses Mal gespielt von Jeremy Strong, wird von seinem Team auf ein Verhör vorbereitet. Sorkin zufolge hat Eisenberg die Einladung, für „Reckoning“ zurückzukehren, ausgeschlagen. Das war wahrscheinlich die richtige Entscheidung, denn mit dem Nerd aus „Network“ hat dieser CEO nichts mehr zu tun. Strongs Zuckerberg ist näher am Original, wird allerdings alle, die „Succession“ gesehen haben, an Kendall Roy erinnern. Das immerhin passt, denn ähnlich wie Kendall wird Zuckerberg hier als freudloser, gehetzter Mann gezeigt. Die punkige Atmosphäre von „The Social Network“ ist lange vorbei, Facebook ist längst eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. Jede Geste, jedes Wort muss sitzen, um das Image der Plattform zu schützen. Diese Szenen dienen Sorkin vorrangig dazu, die Kritik an Facebooks Philosophie explizit zu machen, primär in Form von Charlie (Bill Burr), dem einzigen, der sich traut, Zuckerberg die Meinung zu sagen.

Okay, na und?

Doch hier tritt auch das zentrale Problem des Films zutage. Und das lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Na und? Nicht nur in den Konfrontationen zwischen Strong und Burr, auch am Ende, wenn das Leak endlich in der Öffentlichkeit ist und Haugen vor dem US-Senat als Zeugin auftritt, will Sorkin eine Atmosphäre des Triumphs schaffen: Endlich hat es Facebook mal jemand so richtig gezeigt. Nur: Stimmt das überhaupt? Noch mal fünf Jahre später sind die Facebook Files aus der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie verschwunden. Klar, als Konsequenz musste die Firma sich in Gerichtsprozessen verantworten und hat viel Geld verloren, ihr Image wurde irreparabel geschädigt. Aber heute ist Mark Zuckerberg laut Forbes der sechstreichste Mensch der Welt, ein Busenfreund von Donald Trump, und Facebook, Instagram und andere Seiten existieren noch immer. Die dramatischste Folge der Facebook Files? Die Umbenennung des Konzerns zu Meta.

Dass Haugens Geschichte, ebenso übrigens wie die von Edward Snowden, am Ende die Geschichte eines Scheiterns ist, könnte natürlich durchaus für einen spannenden – aber ungleich düstereren – Film sorgen. Nur war Sorkin offenbar nicht bereit, den zu drehen. Stattdessen setzt er auf spritzige Gespräche, überraschend viel Humor und sogar ein paar Biopic-Klischees. Man kann ihm nicht verdenken, dass er die Geschichte von Facebook weitererzählen wollte. Doch man wünscht sich, er hätte einen spannenderen Ansatz gefunden – oder den Mut gehabt, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ob Fincher den wohl gehabt hätte?

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