MUSIK

Tindersticks: Stuart Staples Moment puren Glücks

Stuart, euer neues Album „No Treasure but Hope“ klingt schön und elegant. Aber es ist auch wieder sehr, sehr traurig.

Stuart Staples: Ach, wir haben schon viel traurigere gemacht. (lacht) Ich komme aus meiner Haut nicht raus. Wenn ich singe und die Band dazu spielt, dann hört sich das schnell wie ein Lamento an. Und in der Tat liegt praktisch allen meinen Liedern eine innere Auseinandersetzung zugrunde, ein Kampf in meinem Gefühlshaushalt, mit dem ich mich dann kreativ auseinandersetze und ihn nach Möglichkeit befrieden will.

Welche Stürme haben dieses Mal in dir getobt?

Staples: Ich habe versucht, mich selbst zu greifen. Da ist dieser Mann Mitte 50 mit all seinen Verflechtungen, Verbundenheiten und Abhängigkeiten in dieser Welt, der das Leben verstehen will.

Siehst du Dinge klarer, wenn du über sie geschrieben hast?

Staples: Sie werden für mich verständlicher. Ich würde nicht so weit gehen, dass Songschreiben eine Therapie für mich ist, doch in Zeiten, die uns Menschen ziemlich verrückt machen, ist mir das Schreiben ein Anker. Nehmen wir den Titelsong. Die Hoffnung ist in „No Treasure but Hope“ enthalten – allerdings nur als ein kleiner Funke. Aber ohne diesen Funken ist alles sinnlos. Meine große Sorge ist, dass bei uns linken, liberalen Europäern eine Gleichgültigkeit einsetzt. Wir wollen nicht kämpfen, aber die Gegenseite, die unsere offene Gesellschaft zerstören will, ist sehr entschlossen und aggressiv. Um diese Auseinandersetzung nicht zu verlieren, müssen wir dagegenhalten.

Sind „Take Care in your Dreams“ und „See my Girls“ an deine Kinder gerichtet?

Staples: „Take Care“ ja. Ich habe fünf Kinder, das jüngste ist jetzt 18, und ich wundere mich darüber, dass meine Gefühle und Sorgen eher noch stärker geworden sind als zu der Zeit, in der sie noch unter meinem ständigen Schutz standen. „See my Girls“ erzählt von einem Mann, den ich vor zehn Jahren kennengelernt habe und der auf einer kleinen Insel Zeitungen aus aller Welt verkauft hat. Er selbst hatte die Insel aber noch nie in seinem Leben verlassen.

Du sagst, „Pinky in the Daylight“ sei dein erstes Liebeslied ohne Einschränkungen und Relativierungen. Wo ist dir dieses Stück widerfahren?

Staples: Auf einem Schiff in der äonischen See. Ich erlebte dort einen Moment des puren Glücks ohne jede Komplikation. Er dauerte vielleicht eine Minute – lang genug, dass mir dieser Song eingefallen ist. Ich habe traditionell einen sehr engen Bezug zum Mittelmeer, doch in den letzten Jahren wurde diese Verbindung getrübt. Man kann nicht mehr einfach die Anmut des Mittelmeers bewundern, ohne an die Menschen zu denken, die darin ertrinken.

Den Großteil der neuen Lieder hast du auf der griechischen Insel Ithaka geschrieben. Ich stelle mir vor: Einsamkeit, Terrasse, Strand, Zigaretten und Rotwein.

Staples: Zigaretten auf jeden Fall. Balkon stimmt auch. Aber Einsamkeit nicht, denn ich bin dort Teil einer quirligen Dorfgemeinschaft direkt am Hafen. Und Rotwein mag ich nicht so gern. Dafür Metaxa aber umso lieber.

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