MUSIK

Tirzah: Ganz große Gefühle

Portrait Tirzah sitzend vor Holzwand
Foto: Lillie Eigner

Tirzah, als du vor drei Jahren dein Debütalbum veröffentlicht hast, warst du noch sehr unsicher, ob du überhaupt an einer Karriere als Musikerin interessiert bist. Das hat sich inzwischen geändert, oder?

Tirzah: Die Entscheidung ist gefallen, als wir angefangen haben, mit „Devotion“ auf Tour zu gehen. Das war eine neue Verbindlichkeit. Vorher hatte ich mit Mica Levi ja nur vereinzelte, sehr improvisierte Gigs gespielt, die meist eher DJ-Sets waren.

Für „Devotion“ hast du zwar schon zur Veröffentlichung viel Lob und Anerkennung bekommen, aber der wirklich große Zuspruch kam erst ein paar Monate später. Was ja eigentlich ein viel aussagekräftigeres Feedback ist, weil du dann sicher sein kannst, dass die Leute sich wirklich mit der Musik auseinandergesetzt haben und nicht nur einem Hype gefolgt sind.

Tirzah: Mir ist es selbst ja nicht anders ergangen. Die Stücke haben sich weiterentwickelt, als ich mit Mica und Coby Sey an der Liveumsetzung gearbeitet habe. Und gerade weil ich ja auf der Bühne nicht besonders extrovertiert bin, hätte ich nie erwartet, dass mir Konzerte so viel geben können. Noch immer hasse ich den logistischen Aufwand und ganz besonders das Fliegen, aber wenn ich dann erst mal auf der Bühne stehe, kann ich über die Songs eine sehr intensive Verbindung zum Publikum aufnehmen.

Mit „Colourgrade“ schreibst du deinen angestammten Lo-Fi-Sound fort, nur klingen die R’n’B-beeinflussten Popskelette deutlich experimenteller und sind mit Störgeräuschen und augenzwinkernder Futuristik durchsetzt.

Tirzah: Unser Ansatz hat sich nicht wirklich verändert, nur wird er durch „Colourgrade“ zum ersten Mal angemessen repräsentiert. „Devotion“ war ja eher eine Songsammlung, die sich aus dem Material vieler Jahre speist. Bei dieser Platte haben wir ein Jahr lang konzentriert gearbeitet und an der Dramaturgie gefeilt. Von vielen Songs habe ich mich schweren Herzens getrennt, weil sie nicht ins Konzept gepasst haben, und ein vermeintlich experimenteller Song wie „Crepuscular Rays“ stand nie zur Disposition, weil er die Brücke zwischen zwei Klangwelten bildet.

Du hast nach „Devotion“ zwei Kinder bekommen, und natürlich finden sich dazu in den Texten auch sehr viele Spuren. Trotzdem ist dieser Fokus nicht zwingend, und für mich beschreibt „Colourgrade“ etwa die Anatomie einer Liebesbeziehung.

Tirzah: Vielleicht bildet die Platte das ja auch ab. Natürlich haben all diese großen Gefühle der Mutterschaft mein Songwriting beeinflusst. Ich habe das nicht verhindert oder mich im Nachhinein bemüht, diese Spuren zu verwischen. Gleichzeitig habe ich mich aber auch nicht mit dem Vorhaben hingesetzt, ein Konzeptalbum über diese Erfahrungen zu machen. Ich habe in mich reingehorcht, und ich habe auch auf Beobachtungen von Mica und Coby reagiert.

Wenn ich an all die missratenen, pathetischen Popsongs über Elternschaft denke, spricht das sehr für deinen Ansatz des intuitiven Schreibens.

Tirzah: Mich persönlich langweilt es generell, mit einer Agenda ans Songschreiben zu gehen. Natürlich muss ich auch ständig Entscheidungen treffen, aber der Reiz besteht ja gerade darin, dass das Ziel nicht vorgegeben ist und sich fortwährend ändert. Wenn ich einen Song für eine Weile liegenlasse und dann wieder hervorhole, überprüfe ich nicht, ob er etwas ganz Bestimmtes einlöst. Ich überprüfe, ob ich eine emotionale Verbindung zu ihm herstellen kann.

Tirzah: A Family Affair

Tirzahs Musik ist durch die jahrelange Zusammenarbeit mit ihren engen Freund:innen geprägt. Zur CURL Crew gehört neben Mica Levi alias Micachu auch Coby Sey.

Mica Levi: Mit ihr studierte Tirzah klassische Musik an der Londoner Purcell School, und sie ist seit der Single „I’m not dancing“ aus dem Jahr 2013 an Tirzahs Seite. Auch das Debütalbum „Devotion“ hat Levi produziert.

Coby Sey: Der jüngere Bruder von Produzent Kwes trägt einen entscheidenden Anteil am neuen Album: Er hat die Single „Tectonic“ geschrieben und produziert, bei „Hive Mind“ ist er als Duettpartner von Tirzah zu hören.

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