MUSIK

Vorläufige Höhepunkte: Die Alben der Woche

Zweimal mit Text und einmal ohne: Unsere Alben der Woche haben dieses Mal zumindest auf den ersten Blick wenig gemein. Wobei: Die Parallelen zwischen Meinrad Jungblut alias PeterLicht und Stevie Knipes Projekt Adult Mom sind noch einigermaßen leicht zu finden. Sie beide legen viel Wert auf ihre Wortwahl. Während PeterLicht, der nicht automatisch weniger mysteriös wird, weil wir heute sein Gesicht kennen, sich immer noch gern kryptisch gibt, überzeugt Knipe mit Direktheit. Aber auch die musikalische Kulisse muss stimmen – und das tut sie. Ob man allerdings lieber sonnigen Elektropop mag oder Americana-getränkten Gitarrenpop, bleibt einem wie immer selbst überlassen.

Ganz anders da Dirk Maassen: Der 50-Jährige ist kein Sänger, ihm geht kein Wort über die Lippen. Stattdessen lässt er das Klavier für sich sprechen. Dabei legt er keinen Wert auf Virtuosität, sondern achtet auf Atmosphäre, Raumklang, Stimmungen. Auf seiner neuen Platte „Echoes“ hat er diesen Ansatz auf die Spitze getrieben. Und da findet sich auch der Grund, warum wir Maassen eben doch in einem Atemzug mit Adult Mom und PeterLicht nennen dürfen: Alle drei Platten können mit einigem Recht als der bisherige Höhepunkt der jeweiligen Künstler*innen gelten. Die Alben der Woche:

PeterLicht: Beton und IbuprofenPeterLicht: Beton und Ibuprofen

Lange Zeit war PeterLicht gesichtslos: Durch das Video zu „Sonnendeck“ kurvte noch ein leerer Bürostuhl, und den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb hat er gewonnen, indem er mit dem Rücken zum Publikum gelesen hat. Seine Wirkungsmacht hat sich nicht verringert, auch wenn wir inzwischen längst wissen, wie jener Meinrad Jungblut aussieht, der als PeterLicht mit Songs, Texten und Theaterstücken die Gegenwart vermisst.

Das Problem von Album Nummer acht: Man will ständig die Texte zitieren. Etwa gleich den Opener „Wenn du traurig bist“: „Wenn du kein Zuhause hast/fahr besser nicht hin/denn wenn du hinfährst/dann wirst du trauriger. Wenn du aber doch hinfährst/schau wer im Haus drin ist. Manchmal ist das Haus okay/es sind nur die falschen Leute drin.“ Die vielseitigen Arrangements kommen dabei zu kurz, denn so entlarvend etwa der Text von „ … e-scooter deine Liebe“ auch sein mag, handelt es sich hier doch vor allem um einen unwiderstehlichen Elektropopsong. Diese Musik gewordenen Ibuprofenchen wirken nicht nur mit Worten – und sie helfen auch gegen Corona, obwohl sie eigentlich für die Welt vor dem Virus konzipiert worden sind.

Adult Mom: DriverAdult Mom: Driver

Das dritte Album von Adult Mom geht einer Frage nach, die für Menschen im Alter von paarundzwanzig gerne mal aufpoppt: Was nun? „And the only thing that I’ve done/this month is drink beer and masturbate/and ignore phone calls from you“, bringt Stevie Knipe etwa in „Sober“ den sehr eigenwilligen Zustand nach einer Trennung auf den Punkt. Beim Vorhaben, den Soundtrack zu einer queeren Rom-Com zu schreiben, orientiert sich Knipe natürlich nicht an Hollywood, und auch der Albumtitel ist mit „Driver“ gut gewählt – gleichen doch das Leben und speziell die Liebe oft genug einem Unfall.

Was als Soloprojekt im Jahr 2012 begonnen hat, ist mit Gitarristin Olivia Battell und Schlagzeugerin Allegra Eidinger inzwischen zur Band angewachsen, und wenn das Trio auf „Driver“ mit üppigeren Arrangements erneut zwischen Gitarrenpop der 90er, Americana und klassischen Singer/Songwriter-Elementen pendelt, legt Knipe die bisher stärksten Songs vor. Und – Spoileralarm – mit dem Song „Frost“ bekommt die Romcom zumindest ein alternatives Happyend: „I’m aware I might be too good at being alone/I might be too good at/Closing myself off/No one can let me out but myself.“

Dirk Maassen: Echoes

In den Kompositionen von Dirk Maassen gilt seit jeher: Weniger ist mehr. Der Pianist verzichtet auf große Gesten, komplizierte Fingersätze, hohe Tempi oder komplexe Harmoniewechsel. Vielmehr beruhen seine Kompositionen auf der Kraft seiner Melodien, der Wiederholung kleiner Motive und dem langsamen Spannungsaufbau durch wohlkonstruierte dynamische Steigerungen. Der Einsatz dieser Gestaltungsmittel führt dazu, dass Maassens Musik in ihrer Struktur ungemein organisch ist. Man könnte auch sagen: Maassen erfindet seine Musik nicht, er empfindet sie.

Auf dem neuen Album „Echoes“ spielt diese Eigenschaft eine noch größere Rolle als bisher. Vor und während der Entstehung des Werks hat sich der 50-Jährige mit Fans rund um den Globus ausgetauscht. Dabei hat er festgestellt: Viele Menschen verbinden mit seinen Stücken ganz ähnliche Assoziationen wie er selbst. Der Titel „Echoes“ kann daher durchaus programmatisch verstanden werden: Er beschreibt das Wiederhallen gemeinsamer Empfindungen, die von den Lebensumständen des einzelnen unabhängig sind. Es geht um eine Beschreibung von Musik als grenzenlosem Kommunikationsraum. Diesen emotionalen Ausdruck seiner Kompositionen strebt Maassen bereits im Schaffensprozess an: Schon seit längerer Zeit führt der Pianist ein Tagebuch, in dem er seine Erlebnisse und Eindrücke in Form von Melodien und Motiven festhält. Auf dieser Grundlage entwickelt er dann die Kompositionen.

Auch auf „Echoes“ steht wieder Maassens solistisches Spiel im Vordergrund, das bei Stücken wie „Sunrise“ und „Friedland“ jedoch durch orchestrale Einschübe der SinfoniaNord und die französische Geigerin Esther Abrami ergänzt wird. Auf der zweiten Seite des Albums erscheinen die Stücke zudem in alternativen Versionen, die Maassen bei sich zu Hause aufgenommen hat und die vor allem in Bezug auf das Timbre des Klaviers und den Aufnahmeklang anders sind. Die Aufnahmen klingen weniger abgerundet, ein wenig rauer, aber auch intimer: fast so, als wäre der Pianist mit im Raum.

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