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Literatur

Zeppelin und Karpfen von Hannah Mann

Der Debütroman Zeppelin und Karpfen von Hannah Mann ist unperfekt, verdient aber dennoch Respekt.

Buchcover „Zeppelin und Karpfen“ von Hannah Mann

Suzanna, die Protagonistin von Hannah Manns Debüt Zeppelin und Karpfen, ist Fotografin. Sie hält die Träume anderer fest und die Geister der Familie in Schach. Bis ihre Mutter von einem Tag auf den anderen verschwindet. Sie scheint sich auf eine Reise in ihre Erinnerungen begeben zu haben, und Suzanna und der restlichen Familie bleibt nichts anderes übrig, als ihr dorthin zu folgen …

Literarische Fußstapfen, die sich schwer füllen lassen

Hannah Mann ist – das darf bei der Besprechung ihres Erstlings nicht unterschlagen werden – die Urenkelin von Heinrich Mann, Thomas‘ älterem Bruder und für so gesellschaftskritische Werke wie „Der Untertan“ und „Professor Unrat“ bekannt. Literarische Fußstapfen also, die sich schwer füllen und noch schwerer ignorieren lassen. Entsprechend sagte Mann schon im Interview: „Ich musste erst zu der Erkenntnis gelangen, dass ich trotz des Namens schreiben möchte und nicht deswegen.“ Als Kind habe sie bereits kleine Gedichte und Beobachtungen aufgezeichnet – gleichzeitig seien in ihrem Umfeld Aussagen gefallen wie: Jeder, der Mann heiße, denke, er könne schreiben. „Das war nicht gerade ermutigend“, resümierte sie in Die Zeit.

Manns Erkenntnis in allen Ehren – es wäre naiv zu denken, für den Einstieg und anschließenden Aufstieg im Literaturbetrieb genüge ein qualitativ hochwertiger Text. Alles, was sich an eine:n Autor:in mitvermarkten lässt – Geschlechtsidentität, bevorzugte Themen auf Social Media, ethnische Zugehörigkeit – wird mitvermarktet. So auch der Name oder etwaige Familienbande: Ist die Story, die Sie bei der Literaturagentur pitchen, eine mittelmäßige Kopie, aber Ihr Nachname lautet Gauck/Brecht/Kahlo? Höchstwahrscheinlich schafft es Ihr Text immerhin in die zweite Prüfrunde, während die Lebensgeschichte eines unbegleiteten Geflüchteten, der durchs deutsche Sozialsystem gerutscht und gegen alle Widerstände Chirurg geworden ist – den aber höchstens seine Patient:innen wiedererkennen würden –, im Posteingang verstaubt.

Warum ist „Zeppelin und Karpfen“ so unperfekt?

Dennoch: in dubio pro poeta, und „Zeppelin und Karpfen“ verdient es, weder an den Arbeiten des Über-Manns Heinrich gemessen zu werden noch unterstellt zu bekommen, dass hier allein verlegerisches Kalkül für die Herausgabe verantwortlich sei. Allerdings zeigt die Lektüre: Es ist längst kein Von-0-auf-100-Buch, und selbst für eine Beschleunigung von 0 auf 60 braucht es mindestens genauso viele Seiten. Das Publikum muss dem Text einiges zugestehen wollen, um hinter vermeintlichen Schwachpunkten wie der oft sperrigen Sprache („Wider jedes stereoskopische Sehen nähert er sich in einem zu flachen Winkel“, „Am liebsten hätte ich die vielen Glücksbringer für ihre Falschheit beschuldigt“) oder dem Beschreibungsüberhang tatsächlich eine passgenaue Figurenzeichnung zu erkennen. So lässt sich Suzannas gestelzte Ausdrucksweise bestens mit ihrer „Anderthalbsprachigkeit“, also der polnisch-deutschen Biografie begründen, der fast enervierende Detailgrad ihrer Beobachtungen und Benennungen mit einem Kontrollbedürfnis, das auf Fluchterfahrung und Heimatzerfall gründet. Dieses interpretatorische Entgegenkommen ist längst keine Pflicht, stimmt aber versöhnlicher mit dem knappen Roman als die Annahme, dass hier vor allem schnell monetarisiert und weniger lektoriert werden wollte. Vielleicht stimmt aber auch eine dritte Möglichkeit: „Zeppelin und Karpfen“ ist deshalb so unperfekt, eben weil es ein Debüt ist – und dazu noch das einer Autorin, die ihrem Erbe wohl nie entkommen wird. Es trotzdem zu versuchen – das verlangt Respekt.

„Ich parke wie immer in der stillgelegten Einfahrt vor meinem Fotostudio auf der Neuen Kantstraße. Aus dem Kofferraum hebe ich eine von zwei Studiolampen, die seit den Aufnahmen mit der Schwimmerin darin liegen.“

(aus: Zeppelin und Karpfen)

Hat es Hannah Mann mit „Zeppelin und Karpfen“ auf unsere Liste der besten Bücher im September 2026 geschafft?

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