MUSIK

Der alte Mann und das Mehr

Bob Dylan: Rough and rowdy Ways
Bob Dylan: Rough and rowdy Ways

Bob Dylan hat gesprochen, und wir alle müssen zuhören: Wenn der Altmeister der Rockmusik nach acht Jahren sein erstes Album mit eigenem Material veröffentlicht – Sinatra-Coveralben zählen nicht – dann versetzt sich der Kulturbetrieb in regen Aufruhr. Dylan-Textschlüssel werden gezückt, Referenzrahmen geschärft, die gesamte Geschichte mindestens des 20. Jahrhunderts wird nochmal neu aufgerollt und unter die Lupe genommen, aber warum eigentlich?

Wegen Songs wie „Murder most foul“ und „I contain Multitudes“, und das ist auch verständlich. Auf ihnen zeigt sich Dylan auf höchstem Literaturpapst-der-Musikindustrie-Niveau: Die Gravitas, mit der Dylan etwa in „Murder most foul“ den Tod Kennedys als Meilenstein der Kulturgeschichte inszeniert, die Schärfe seines Blicks auf die Geschichte Amerikas seit den 60ern ist selbst in seiner eigenen Diskografie unübertroffen. Es gelingt ihm, seine These nicht nur rein textlich darzulegen. In seiner Darbietung, dem Text und dem dezenten Spiel seiner Band wird die Monumentalität, die beschworen werden soll, auch emotional abrufbar. „I contain Multitudes“, das den US-amerikanischen Nationaldichter Walt Whitman zitiert, wird hierzulande nicht so viel Sympathien ernten wie in den Staaten, aber verdient sie sich dennoch für den wohl aufrichtigsten Dylan-Text zumindest dieses Jahrhunderts.

Gegenfrage: Lässt sich das selbe auch über Songs wie „False Prophet“ sagen, die dritte Vorab-Single, und der erste Bruch in dem bis dahin großartigen Auftakt zu diesem vermeintlichen Meilenstein-Album? Nein. Der Text ist zwar gekonnt, besonders zu Anfang, wenn Dylan seine Selbstbetrachtung nicht verstellt („Another day that don’t end / Another ship goin’ out/ Another day of anger, bitterness, and doubt / I know how it happened / I saw it begin / I opened my heart to the world and the world came in“), aber erschöpft sich zunehmend in undurchsichtigen, vagen Sprachspielen („Put out your hand / There’s nothing to hold / Open your mouth / I’ll stuff it with gold / Oh you poor devil look up if you will / The city of God is there on the hill“). Die müde Bluesrock-Nummer hingegen, die ihn begleitet, erinnert an das Schlimmste, was Dylan in seiner späten Solokarriere so veröffentlicht hat, wie etwa das bestenfalls behäbige „Together through Life“. Und es ist mit seinem Altherren-Blues auf „Rough and rowdy Ways“ nicht allein.

Überhaupt ist Bob Dylan jenseits des klar Persönlichen („I contain Multitudes“) und klar Politischen, bzw. Historischen („Murder most foul“) mal wieder reichlich vage, und viele seiner Texte reichen nicht über – noch so geschickte – Wortklauberei ohne klare Stoßrichtung hinaus. Natürlich ist das Schlimmste bei Dylan nicht mit dem Schlimmsten gleichzusetzen, was andere alte Blueser so raushauen, und er ist auch in seinen schwächsten Momenten meilenweit von echter Geschmacklosigkeit entfernt. Der Schleicher „My own Version of you“ etwa ist delektabler, und das bizarre Bild, wie Bob Dylan durch die Leichenhäuser streunt, um sich einen Messias zusammenzufrankensteinen, gehört zu den schöneren Späßen, die der Altmeister sich in seiner Karriere erlaubt hat: („I’ll take the ,Scarface‘ Pacino and ,The Godfather‘ Brando / Mix it up in a tank and get a robot commando / If I do it upright and put the head on straight / I’ll be saved by the creature that I create“).

Das schunkelnde „I’ve made my Mind up to give myself to you“ belohnt die Geduld, die die Begleitung erfordert, indes mit einem sanft-andächtigen Text, der erneut durch seine Offenheit besticht. „Goodbye Jimmy Reed“ ist bei aller musikhistorischer Relevanz jedoch eine weitere ziellose Bluesrock-Nummer, und „Black Rider“, „Mother of Muses“ oder „Crossing the Rubicon“ ordnen sich höchstens im Mittelfeld zwischen diesen Extremen ein. Jenseits der wirklich grandiosen Highlights „Key West (Philosopher Pirate)“, „Murder most foul“ und „I contain Multitudes“ ist „Rough and rowdy Ways“ lediglich eine okaye Leistung für Dylan. Diese Stücke beweisen zwar auch, dass sein Maßstab auch heute noch ein anderer ist – doch nimmt man das Album als Ganzes, ist es das größte Lob, das man ihm aussprechen kann.

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