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C Pam Zhang: „Eine wie ich kommt da nicht vor!“

Portraitfoto C Pam Zhang
Foto: Gioia Zloczower

C Pam Zhang, du bist in Peking geboren und mit vier Jahren in die USA gekommen. Warum nimmst du dir mit deinem Debütroman ausgerechnet den Western vor?

C Pam Zhang: Meine Familie ist durch die USA gezogen – bis zu meinem 18. Lebensjahr haben wir an zehn verschiedenen Orten gelebt. In dieser Zeit waren Bücher wie „Weg in die Wildnis“ von Larry McMurtry und die Romane von John Steinbeck meine Begleiter. Mich hat fasziniert, dass die alltäglichen Geschichten relativ durchschnittlicher Figuren in dieser epischen Landschaft spielen. Ganz besonders die „Unsere kleine Farm“-Reihe hatte es mir angetan, und damals habe ich mir gewünscht, in der Zeit zurückreisen und eine Freundin von Laura Ignalls Wilder sein zu können. Doch dann ist mir aufgegangen, dass ihre Mutter extrem rassistisch ist und das niemals zugelassen hätte: Sie hätte in mir eine Gefahr für ihre Tochter gesehen. In all den von mir so geliebten Büchern war es so: Eine wie ich kommt da nicht vor! Deswegen ist „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ ein Heldenepos für die Einwanderer, für People of Color und all die anderen, die aus Western rausgehalten wurden.

Du verwendest im Roman eine rassistischen Bezeichnung für die indigene Bevölkerung Amerikas.

Zhang: Natürlich lehne ich diesen Begriff ab, doch für die Glaubwürdigkeit der Romanwelt habe ich ihn benötigt. Meine Figur Lucy ist ja auch von der Sehnsucht getrieben, sich vollständig zu assimilieren. Sie hat nicht nur eine problematische Sicht auf die indigenen Einwohner Amerikas, sondern auch auf die eigene Herkunft. Lucy verleugnet sich, und das geht bis zum Selbsthass.

Bist du auch dagegen, literarische Werke der Vergangenheit umzuschreiben und sie von diskriminierenden Zuschreibungen zu befreien? Besonders bei Kinderbüchern ist das ja ein vieldiskutiertes Thema …

Zhang: Amnesie ist eine große Gefahr. Wer alles bereinigt, was hässlich ist, eliminiert auch die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen. Es sollte eine Fall-zu-Fall-Entscheidung sein, doch das Allerwichtigste ist immer, über problematische Sprache im Kontext zu lernen. Statt die problematischen Begriffe zu streichen, finde ich es meist sinnvoller, sie mit einer Fußnote zu versehen oder für das entsprechende Buch ein Vorwort zu verfassen. Vor ein paar Tagen habe ich einen Artikel über US-amerikanische Eltern gelesen, deren Kinder sich an Halloween als Malcolm X verkleidet haben – inklusive Blackfacing. Für die Eltern war das eine Geste des Respekts, und sie konnten nicht verstehen, dass ihnen Rassismus vorgeworfen wurde, weil sie mit dem rassistischen Kontext von Blackfacing nicht vertraut waren. Aus diesem Grund reicht es meiner Meinung nach nicht, wenn diskriminierende Begriffe einfach verschwinden. Der erklärende Kontext ist entscheidend.

Ich erinnere mich an den Schock, als ich „Ein wenig Leben“ gelesen habe. Hanya Yanagihara erzählt ihren in New York spielenden Roman abwechselnd aus der Perspektive der Protagonisten, und ich habe automatisch vorausgesetzt, dass es sich um vier weiße Typen handelt. Als sie erst nach vielen Seiten auflöst, dass das nicht der Fall ist, musste ich mir eingestehen, dass auch ich von der Dominanzkultur ausgehe.

Zhang: Früher habe ich mich strikt geweigert, den kulturellen Hintergrund meiner Charaktere zu benennen. Was kontraproduktiv war, da die Figuren so natürlich automatisch als Weiße gelesen wurden. Deswegen benenne ich sie inzwischen als Amerikaner:innen asiatischer Herkunft – aber ich zögere das so weit wie möglich hinaus.

Eine ähnliche Strategie wendest du in „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ bei der Figur Sam in Bezug auf das soziale Geschlecht an.

Zhang: Die ersten Romanseiten sind für Sam ein Freiraum, ohne jegliches Label aufzutreten. Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Lesenden dadurch zum Nachdenken über Gendernormen angeregt werden. Was ist denn schon ein Western ohne mackerige Clint-Eastwood-Typen?

Buchcover „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von C Pam Zhang

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