MUSIK

Brückner + Wollny: Groß-Heine-Machen

Portraitfoto Michael Wollny Christian Brückner
Foto: Gregor Hohenberg

Michael Wollny, „Traumbilder“ hat eine lange Vorgeschichte: Es ist die Neuauflage einer Heine-Platte, die verschiedene Musiker 1964 eingespielt haben. Wie bist du für diese erneute Bearbeitung an Bord gekommen?

Michael Wollny: Der Impuls kam von Siggi Loch, der schon in den 60ern die Reihe „Lyrik & Jazz“ betreut hat. Er hat sich überlegt, man könnte heute noch einmal mit diesen Texten arbeiten. Und weil ich in den letzten Jahren immer wieder gern mit Sprechern gearbeitet habe, hat mich das sehr angesprochen. Der erste Gedanke war sofort, Christian Brückner zu fragen. Dann gab es wenig Vorbereitung. Christian und ich haben eine Woche vor dem Studiotermin kurz telefoniert, um sich einfach mal wieder in Resonanz zu bringen. (lacht) Aber der Rest ist alles im Studio passiert.

Welche Beziehung zu Heine hattest du im Vorfeld?

Wollny: Für mich ist Heine vor allem über Schubert immer präsent gewesen. Einige meiner Lieblingskompositionen von Schubert sind seine Heine-Lieder. In den letzten Jahren ist mir aber auch klarer geworden, dass die Texte in diesen Vertonungen sehr romantisch oder sogar schwarzromantisch inszeniert sind. Dabei hat Heine ja auch eine ganz andere Seite: eine ironische, bissige, manchmal auch sehr lustige.

War es euch ein Anliegen, diese Seite mehr ins Zentrum zu rücken?

Wollny: Wir haben sehr wenig darüber gesprochen, was uns konkret wichtig ist. Aber im Studio setzt so ein Flow ein, ein Rhythmus. Wenn Christian liest, gibt es so viele Zwischentöne, dass jedes Wort komplett umkippen kann: von berührend-tief zu sarkastisch und distanziert. Es ist sehr inspirierend, wie er eine musikalische Offenheit in die Texte hineinträgt.

Du hast schon wiederholt mit Christian Brückner gearbeitet. Was ist es an seiner Stimme oder Performance, das so gut zu deiner Musik passt?

Wollny: Ich höre Christian wirklich als Musiker, seine Stimme als Instrument. Er könnte auch in einer mir unbekannten Sprache rezitieren, und ich wäre trotzdem über den Rhythmus und die Melodik in seiner Stimme angeregt zu musizieren. Auch seine Persönlichkeit spielt eine große Rolle, all das, was er mit auf die Bühne oder ins Studio bringt. Da schwingt eine ganz große Erfahrung im Umgang mit Sprache und Kommunikation mit. Dazu gehört auch, im Vorfeld nicht viel besprechen zu wollen. Christian liebt ungesichertes Terrain. Ich habe in den letzten zehn Jahren vor keinem einzigen Konzert mit ihm irgendetwas geprobt oder eine Setlist gemacht.

Was macht für dich den Reiz dieser Herangehensweise aus?

Wollny: Erst einmal ist es musikalisch total reizvoll, weil ich mich am wohlsten fühle, wenn ich nicht weiß, was los ist. Außerdem ist es ja generell bei wichtigen Texten so, dass sie einem zu verschiedenen Zeiten anderes sagen – wie gesagt: mal romantisch, mal ironisch. Manchmal wird die Pointe eine ganz andere, wenn man länger damit lebt.

Michael Wollny im Interview zu seinem Soloalbum „Mondenkind“

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