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Die besten Bücher 2020: Empfehlungen für den November

Cover Die besten Bücher im November 2020

Die besten Bücher im November 2020: Passend zur US-Wahl zeichnet John Niven in „Die F*ck-it-Liste“ ein dystopisches Bild. Im Jahr 2026 ist Trump zwar abgetreten, aber dafür ist jetzt Tochter Ivanka Präsidentin und führt das werk ihres Vaters fort. Auch Ben Lerner liefert eine perfekte Lektüre zum Duell Trump-Biden, indem er sich in dem autofiktionalen Roman „Die Topeka Schule“ mit toxischer Männlichkeit beschäftigt. Alexander Kühne legt mit „Kummer im Westen“ die Fortsetzung von „Düsterbusch City Lights“ vor, doch der November ist vor allem der Monat der Newcomer: Isabella Hamid legt mit „Der Fremde aus Paris“ einen historischen Roman vor, der eine politisch hochbrisante Zeit schildert und auch noch eine tragische Liebesgeschichte beinhaltet. Lasse Eskold Nehren radikalisiert in „Affekt“ eine Haltung, die die Dilemmata unserer Gesellschaft Sicht bar macht. Und schließlich verarbeitet Verena Keßler mit „Die Gespenster von Demmin“ den Massenselbstmord in einer Kleinstadt in Vorpommern zum Kriegende 1945, indem sie in jenem Demmin eine Coming-of-Age-Geschichte aus dem Jetzt erzählt.

Cover „Die F*ch-it-Liste“ von John Niven8. John Niven: Die F*ck-it-Liste

Wie satirisiert man ein Land, dass lächerlicher und zugleich verstörender ist alles, was man sich ausdenken kann? Seit vier Jahren scheitern Gagschreiber*innen auf der ganzen Welt daran, sich über Trumps Amerika lustig zu machen. Kann John Niven uns retten? Immerhin ist der Schotte mit Werken wie „Kill your Friends“ zum Bad Boy der Feuilletons avanciert. Sein neuer Roman „Die F*ck-it-Liste“ zeichnet ein dystopisches Bild: Im Jahr 2026 ist Trump zwar abgetreten, aber dafür ist jetzt Tochter Ivanka Präsidentin und führt das Werk ihres Vaters fort, der wieder vor allem Golf spielt. Immigrant*innen werden noch immer in Camps gesperrt, Lehrer*innen patrouillieren bewaffnet über Schulhöfe, Abtreibungen sind natürlich illegal. Da erfährt der brave Rentner Frank Brill, dass er in ein paar Monaten sterben wird – und beschließt, sich schnell noch an den Menschen zu rächen, die sein Leben ruiniert haben. Die Liste reicht vom Vergewaltiger eines Jugendfreundes bis zu politischen Würdenträgern, denn Frank sieht sich vor allem als ein Opfer der Politik: Seine Frau ist bei einem Amoklauf gestorben, den es bei schärferen Waffengesetzen wohl nicht gegeben hätte, und seine Tochter ist nach einer illegalen Abtreibung verblutet. Niven interessiert sich mehr für spektakuläre Schockmomente als für die Frage nach der Herkunft des Faschismus und überzeichnet seine Antagonisten zu grellen Karikaturen. Doch zum Ende des Buches gibt es einen Moment, der tiefer blicken lässt  – und damit hat es John Niven auch auf unsere Liste der besten Bücher im November 2020 geschafft.

Heyne Hardcore, 2020, 320 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Stephan Glietsch

 

Cover „Hundert Augen“ von Samantha Schweblin7. Samantha Schweblin: Hundert Augen

Wie in den besten Science-Fiction-Büchern ist die Technologie, anhand derer die argentinische Autorin Samantha Schweblin sich mit sozialen Beziehungen im Internet-Zeitalter auseinandersetzt, gerade plausibel genug. Kentukis: kleine Stofftiere mit integrierten Kameras, in unzähligen Formen, von Pandas und Krähen bis hin zu Drachen, auf Rollen und ohne die Fähigkeit zu sprechen. Zum Verkauf stehen zum einen die Kentukis, zum anderen die Zugangscodes, mit denen man sich in den Körper des jeweiligen Plüschtiers einwählen kann. Schweblin beleuchtet verschiedene Figuren und ihre durch die Kentukis vermittelten Verhältnisse: Ihre Beweggründe, sich Kentukis zu kaufen oder aber durch sie Einlass in das Leben anderer zu gewinnen, sind vielfältig – so wie die, sich auf Instagram oder Twitter anzumelden –, was ihrem Roman zugutekommt. Natürlich beleuchtet sie mit Hackern, Voyeurismus und Vereinsamung die Schattenseiten virtueller Beziehungen, und doch ist „Hundert Augen“ keine plumpe Dystopie. Schweblin versteckt den Schrecken nicht in der nahezu fantastischen Technologie. Sie entdeckt ihn in Verhaltensmustern, die längst Gegenwart sind.

Suhrkamp, 2020, 254 S., 22 Euro

Aus d. Span. v. Marianne Gareis

 

Cover „Kummer im Westen“ von Alexander Kühne6. Alexander Kühne: Kummer im Westen

Der Titel ist etwas irreführend, denn tatsächlich verbringt Anton Kummer nur das erste Viertel des Romans in Westdeutschland. Länger braucht er nicht, um zu kapieren, dass er sich vom Mauerfall zu viel versprochen hat: Er, der in der DDR-Provinz ein cooler Rebell war, kann mit den cooleren Berlinern nicht mithalten. Also flieht er aus Berlin zurück ins spießige Heimatdorf Düsterbusch, dem Schauplatz des Vorgängers „Düsterbusch City Lights“. Schade, denn Antons Erfahrungen in Westberlin, die Haltlosigkeit, die Fauxpas, die Anfeindungen der Wessis bieten eine aufschlussreiche Perspektive, von der man auch als 90s-Kid ahnt, dass sie 1989 keineswegs eine Ausnahme gewesen sind. Stattdessen geht es allzu bald vor allem um die spezifischen Verwicklungen in Antons Leben: das Schicksal seines alten Klubs „Helden des Fortschritts“, den ewigen Streit mit seinem Vater, die Beziehung zu seinem neuen Schwarm Irina. Die manchmal skurrilen, manchmal traurigen Auswirkungen des Mauerfalls auf Düsterbusch geraten da schnell mal in den Hintergrund. Der Dorfdisko fühlt Anton sich entwachsen, ohne wirklich eine Idee zu haben, was er stattdessen machen will. Auch eine Reise ins ferne und exotische Minden, um einen Job als Plattenverkäufer zu ergattern, verläuft nur mäßig erfolgreich. Alexander Kühne verarbeitet in Anton Kummer seine eigenen Erlebnisse, und so überrascht es nicht, dass er dessen Innenleben mit Witz und Empathie zum Leben erwecken kann. Und es überrascht auch nicht, dass er auf unserer Liste der besten Bücher im November 2020 dabei ist.

Heyne Hardcore, 2020, 352 S., 16 Euro

 

Cover „Cloris“ von Rye Curtis5. Rye Curtis: Cloris

Cloris Waldrip stürzt mit dem Flugzeug ab, überlebt und kämpft sich durch die Bitterroot-Mountains in ein neues Leben. Bislang hat Konformität mit einem konservativen Umfeld den Alltag der 72-jährigen Texanerin geprägt: Was in der Bibel steht, was die Nachbarn sagen oder was eben von einer Ehefrau ihrer Generation erwartet wird, das war für Cloris das Maß aller Dinge. Auf sich allein zurückgeworfen, muss sie feststellen, dass nicht Glaube und Moral beim Überleben helfen, sondern Taten, die aus Not hervorgehen. Während ein Suchtrupp unter einer ambitionierten und vom Leben gebeutelten Rangerin auf ihrer Spur ist, wird Cloris von einem Einsiedler beobachtet und vor Gefahren beschützt. Windet sich die anfangs überforderte Cloris nur zaghaft und voller Scham über ihre missliche Lage durch die Wildnis, stellt sie mit zunehmender Erfahrung ihr bisheriges Leben infrage, in das sie nicht mehr zurück möchte. Rye Curtis belohnt die Ausdauer der Lesenden und platziert am Ende seines Romandebüts eine reife Erkenntnis: Wer über Menschen und Leben urteilen möchte, muss erst einmal selbst leben.

C.H. Beck, 2020, 352 S., 24 Euro

 

cover „Der Fremde aus Paris“ von Isabella Hammad

4. Isabella Hammad: Der Fremde aus Paris

Zadie Smith höchstpersönlich hat angezweifelt, dass es sich bei Isabella Hammads erstem Roman tatsächlich um ein Debüt handeln kann. Und es stimmt: Die britisch-palästinensische Autorin erzählt ihre komplexe Geschichte mit einer ruhigen Wärme, einer Empathie für ihre Figuren, die zuweilen an George Eliot erinnert. Ein historischer Roman, der eine politisch hochbrisante Zeit schildert und auch noch eine tragische Liebesgeschichte beinhaltet, hätte leicht unter seinem eigenen Gewicht kollabieren können: Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs reist der junge Midhat Kamal – Hammads eigenem Urgroßvater nachempfunden – von Nablus in Palästina nach Montpellier, um Medizin zu studieren. In Frankreich verliebt er sich nicht nur in eine Frau, sondern vor allem in das Land selbst. Nach seiner Rückkehr erlebt Midhat, wie das ehemalige Osmanische Reich zerteilt wird, er wird Zeuge von Kämpfen zwischen Arabern und Zionisten, gründet eine Familie und wird doch immer ein Fremder bleiben. Elegant verwebt Hammad die zeitgeschichtlichen Ereignisse mit Einzelschicksalen, ohne in Genreklischees zu verfallen. Häufig kommen gerade die Momente des Verlusts und des Scheiterns dem Leben am nächsten: Nicht alle Ereignisse haben Bedeutung, nicht alle Fragen werden beantwortet, und nicht alle Liebesgeschichten enden, wie man es erhofft.

Luchterhand, 2020, 736 S., 24 Euro

Aus d. Engl. v. Henning Ahrens

 

Cover Lasse Eskold Nehren „Affekt“3. Lasse Eskold Nehren: Affekt

Wie sich zu einer Gesellschaft verhalten, die für Gesellschaftskritik eine konforme Form gefunden hat? Wie gegen Macker, Nazis und den Kapitalismus sein, wenn die gefälligen Parolen der Freund*innen frustrieren? Nach der Tagebuchsammlung „Distinktion Juchhei“ beleuchtet der 32-jährige Hamburger Autor Lasse Eskold Nehren diese Fragen in seinem belletristischen Debüt „Ackert“. Dessen Protagonist Utz Korbinian lebt ein kompromisslos authentisches Leben – allerdings nur, weil er den Rest der Welt auf Abstand hält, indem er ihn – zu Recht oder zu Unrecht – wie scheiße behandelt. Utz ist kein Vorbild, keine Gebrauchsanweisung zum Zurechtfinden in der Welt. Er ist die Radikalisierung einer Position, die die Dilemmata unserer Gesellschaft sichtbar macht. Wenn dieser Begriff nicht immer mehr von eitlen Kabarettist*innen besetzt werden würde, könnte man sagen, Utz provoziert. Denn natürlich ist er ein Riesenarschloch. Aber nicht selten hat er Recht – und dadurch ist „Affekt“ als Lackmustest für die eigenen Überzeugungen nahezu unerlässlich. Lasse Eskold Nehren sichert sich einen Treppchenplatz auf unserer Liste der besten Bücher im November 2020.

Textem Verlag, 2020, 209 S., 16 Euro

 

Buchcover „Die Gespenster von Demmin“ von Verena Keßler2. Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin

1945 kommt es in Demmin zu einem Massenselbstmord. 2020 wählt Verena Keßler genau diesen Ort für eine Coming-of-Age-Geschichte, die es mit „Tschick“ aufnehmen kann. Im Interview mit kulturnews erzählt die in Leipzig lebende Autorin, warum sie den Massensuizid in ihrem Debüt thematisiert. „Ich wollte wissen: Warum ist das passiert? Warum ist es gerade dort passiert? Außerdem habe ich mich gefragt, was das auch heute noch mit dem Ort macht. Dass es in einer so kleinen Stadt einen so großen Vorfall gegeben hat, der noch nicht richtig verarbeitet zu sein scheint, mit dem man erinnerungstechnisch nicht so recht umzugehen weiß, der da irgendwie so herumgeistert, das hat mich sehr interessiert.“ Verena Keßler ist auf unserer Liste der besten Bücher im November 2020 ganz vorne dabei – und muss sich nur von Ben Lerner geschlagen geben.

Hanser Berlin, 2020, 240 S., 22 Euro

 

Buchcover „Die Topeka Schule“ von Ben Lerner1. Ben Lerner: Die Topeka Schule

Wie sein Protagonist Adam Gordon war auch der 41-jährige Ben Lerner als Schüler ein US-Meister im Debattieren: Er lässt Adam von der Redestrategie des „Schnellsen“ berichten, die das Publikum in Höchstgeschwindigkeit mit einem Überschuss an Informationen plättet. Nicht nur dieses Nachspüren, wie der politische Diskurs durch Gefasel zersetzt wurde, macht Lerners autofiktionalen Roman „Die Topeka Schule“ zum vielleicht wichtigsten Buch im US-Wahljahr. Aus Adam Gordon wird ein gefeierter, in Brooklyn lebender Autor, doch als er nach 20 Jahren für eine Lesung in seine Heimatstadt im Mittleren Westen zurückkehrt und sich sein alter Schulfreund Darren Eberheart als Trump-Anhänger entpuppt, blickt er zurück in die 90er und erzählt von der Verunsicherung weißer privilegierter Jungs. Da ist die dem konservativen Männlichkeitsbild verpflichtete Highschoolwelt, die nur schwer mit dem Elternhaus in Einklang zu bringen ist: Als Psychotherapeut behandelt Adams Vater verhaltensauffällige Schüler aus bürgerlichen Verhältnissen, während seine Mutter zur feministischen Bestsellerautorin avanciert. So baut Lerner mit „Die Topeka Schule“ ein vielstimmiges, hochkomplexes Erzählungsgeflecht, dessen Erkenntnisse dem Überschuss an Informationen trotzen. Damit ist Ben Lerner unser Spitzenreiter auf der Liste der besten Bücher im November 2020.

Suhrkamp, 2020, 400 S., 24 Euro

Aus d. Engl. v. Nikolaus Stingl