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Schatten über der Kleinstadt

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Foto: Michael Bader

Verena Keßler im Interview zu ihrem Debütroman „Die Gespenster von Demmin“

Verena, du bist in Hamburg aufgewachsen und lebst in Leipzig. Wie kommt es, dass dein Debütroman in Demmin spielt, einer Kleinstadt in Vorpommern, in der sich zum Kriegende 1945 mehrere Hundert Einwohner das Leben genommen haben?

Verena Keßler: Mein Freund hat dort Verwandte. Als wir bei denen zu Besuch waren, haben sie uns von dem Vorfall erzählt. Beim Wort „Massenselbstmord“ kann man ja fast gar nicht nicht aufhorchen. Ich wollte wissen: Warum ist das passiert? Warum ist es gerade dort passiert? Außerdem habe ich mich gefragt, was das auch heute noch mit dem Ort macht.Dass es in einer so kleinen Stadt einen so großen Vorfall gegeben hat, der noch nicht richtig verarbeitet zu sein scheint, mit dem man Erinnerungstechnisch nicht so recht umzugehen weiß, der da irgendwie so herumgeistert, das hat mich sehr interessiert.

Warum ist dieser Vorfall so wenig bekannt?

Verena Keßler: Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass er zu DDR-Zeiten nicht öffentlich thematisiert werden durfte, schließlich standen auch Verbrechen der sowjetischen Armee damit im Zusammenhang. Aber auch innerhalb vieler Familien wurde geschwiegen, weil es so ein traumatisches Erlebnis gewesen ist. Das ändert sich oft erst nach mehreren Generationen, wenn das Ganze weit genug weg ist, um darüber sprechen zu können.

Du erzählst von den historischen Ereignissen, indem du sie in einen Coming-of-Age-Roman einarbeitest. Deine Ich-Erzählerin Larry ist eine sensible und zugleich wunderbar taffe 15-Jährige, die mit ganz eigenen Problemen in ihrer Familie zu kämpfen hat.

Verena Keßler: Ich hatte das Gefühl, mit ihr kann ich diese Geschichte erzählen – auch wenn es natürlich eigentlich gar nicht ihre eigene ist, sondern die Geschichte des Ortes, an dem sie aufwächst. Sie schaut da mit ganz viel Abstand drauf und bringt durch ihr Alter auch eine gewisse Naivität mit. So konnte ich viele Sachen ganz konkret ansprechen. Und neben Larry wohnt dann mit Frau Dohlberg eine 90-Jährige, die zwar am gleichen Ort, aber trotzdem in einer ganz anderen Welt lebt.

 

„Es sind so viele Hunderte Menschen, die da gestorben sind, von denen man teilweise nicht mal den Namen weiß.“

 

Sehr eindringlich und empathisch zeichnest du auch diese alte Frau, deren Mutter und kleine Schwester sich 45 in der Peene ertränkt haben. War es dafür wichtig, nur in Ansätzen die Frage zu verhandeln, inwiefern es sich bei vielen der Selbstmörder*innen um stramme Nazis gehandelt hat?

Verena Keßler: Es sind so viele Hunderte Menschen, die da gestorben sind, von denen man teilweise nicht mal den Namen weiß. Man kann deshalb nicht bei jedem Einzelnen nachvollziehen, welche Einstellung er oder sie gegenüber dem NS-Regime hatte, und es waren ja auch sehr viele Kinder unter den Toten. Insgesamt wird es aber schon eine Rolle gespielt haben, dass das System, an das so viele Deutsche immer noch geglaubt haben, gerade untergegangen ist, und auch Frau Dohlberg erinnert sich daran, dass bei ihrer Familie das Hitlerbild an der Wand hing.

Die rechte Szene wird diesen Massenselbstmord vermutlich auch als Märtyrertum stilisieren, oder?

Verena Keßler: Im Roman wird ja dieser sogenannte Trauermarsch erwähnt, der in Demmin tatsächlich jedes Jahr am 8. Mai stattfindet. Das sind immer mehrere hundert Neo-Nazis, von denen die meisten gar nicht aus Demmin kommen, sondern mit Bussen angekarrt werden. Die ziehen dann durch den Ort, werfen Kränze in die Peene und betrauern die deutschen Opfer, als hätte sich diese Seite nie etwas zu Schulden kommen lassen. Es gibt dann ein riesiges Polizeiaufkommen, weil sich natürlich auch Gegendemonstrant*innen formieren. An diesem Tag kreisen über der Kleinstadt Hubschrauber.

 

Ich wollte Demmin auf keinen Fall klischeehaft als ostdeutsche Kleinstadt zeichnen, in der alles ganz furchtbar ist.

 

Du verschweigst die Plattenbausiedlung von Demmin nicht und machst die Tristesse spürbar, trotzdem ist die ostdeutsche Kleinstadt bei dir zugleich auch ein warmer Ort, der Halt anbietet.

Verena Keßler: Ich wollte Demmin auf keinen Fall klischeehaft als ostdeutsche Kleinstadt zeichnen, in der alles ganz furchtbar ist, denn so habe ich es auch nicht erlebt. Bei der Recherche bin ich immer auf Menschen getroffen, die mir gegenüber sehr aufgeschlossen waren und sich im Ort engagieren. Ich habe zum Beispiel mal einige Tage bei einer Familie gewohnt, deren 19-jährige Tochter mir die Stadt aus Teenie-Sicht gezeigt und erzählt hat, was man dort als Jugendliche alles an Freizeitaktivitäten machen kann. Wäre ich allein durch den Ort gelaufen, hätte ich vielleicht eher gedacht, wie trostlos alles ist.

 

Jeden Monat stellen wir eine Liste mit den besten Büchern zusammen. Hier unsere Liste der besten Bücher im Oktober. Wird es Verena Keßler mit „Die Gespenster von Demmin“ auf die Novemberliste schaffen?