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Die besten Bücher 2022: Empfehlungen für den Mai

Lesedecke raus und Picknickkorb gepackt: Die besten Bücher im Mai 2022 mit Yade Yasemin Önder, Imogen Crimp und Jon McGregor.

die besten Bücher im Mai 2022: Graf Zahl mit den Buchcover von Yade Yasemin Önder, Irene Vallejo, Phenix Kühnert und Sven Pfizenmaier

Wer braucht eigentlich noch Coming-of-Age-Romane? Nun, in diesem Monat beweisen gleich zwei junge Autor:innen, dass dieses Genres keineswegs schon auserwählt ist: Der in Celle geborene Debütant Sven Pfizenmaier überzeichnet seine Figuren bis hin zum Slapstick – und dennoch kommen sie den Lesenden emotional sehr nah. Yade Yasemin Önder greift mit „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ Themen auf, die in der Literatur derzeit ziemlich oft verhandelt werden: Identität, Zugehörigkeit und Bulimie. Doch erst Önder findet für sie auch den passenden Sound. Werden es also Sven Pfizenmaier und Yade Yasemin Önder ganz nach oben auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2022 schaffen? Konkurrenz bekommen sie von Imogen Crimp, die ebenfalls einen Coming-of-Age-Roman geschrieben hat. In „Unser wirkliches Leben“ erzählt sie von der Gesangsstudentin Anna, die eine Liaison mit dem 14 Jahre älteren, wohlhabenden Banker Max eingeht. Psychologisch präzise fängt Crimp ein, was es für eine junge Frau bedeuten kann, sich in ein einseitiges, patriarchales Machtverhältnis zu begeben. Vielleicht gelingt aber auch Irene Vallejo der große Coup: Wird sie ausgerechnet mit einem Sachbuch unsere Liste der besten Bücher im Mai 2022 anführen? Okay, nichts klingt langweiliger als ein Sachbuch über die Antike. Doch die Spanierin macht daraus einen ungemein spannenden und zeitdiagnostischen Abenteuerroman. Mit „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau“ von Phenix Kühnert konkurriert in diesem Monat zudem ein autobiografisches Sachbach um einen Spitzenplatz auf unserer Liste der besten Bücher im Mai 2022. Und schließlich sind da noch neue Romane von Jon McGregor und Francis Spufford sowie das Debüt von Tatjana von der Beek.

Die besten Bücher im Mai 2022

8. Francis Spufford: Ewiges Licht

Buchcover „Ewiges Licht“ von Francis Spufford1944 hat eine deutsche Rakete in London ein Kaufhaus getroffen. 168 Menschen sind gestorben, darunter 15 Kinder unter elf Jahren. Francis Spufford stellt sich fünf fiktive Kinder vor und erzählt ihre Leben weiter. Was wäre passiert, wenn sie nicht gestorben wären? Die Antworten sind grundverschieden: Jo wäre fast ein Star geworden, während ihre Zwillingsschwester Val aus Liebe zur Mörderin wird; Vern und Alec gehen jeder auf seine Art mit dem Kapitalismus um; Ben wird durch die Liebe vor seinen eigenen Abgründen gerettet. Als Zyniker könnte man fragen, inwiefern sich Spuffords Roman, der als Aufbäumen gegen den Tod stilisiert wird, von anderen Büchern mit ausgedachten Figuren unterscheidet. Der Autor erzählt diese Schicksale so mitfühlend, melancholisch und zugleich hoffnungsvoll, dass es den Aufhänger gar nicht gebraucht hätte.

Rowohlt Hundert Augen, 2022, 384 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Jan Schönherr

7. Tatjana von der Beek: Die Welt vor den Fenstern

Die besten Bücher im Mai 2022: „Die Welt vor den Fenstern“ von Tatjana von der BeekMaia kennt nur das Haus. Sie hat es noch nie verlassen, denn es gibt keinen Ausgang. Gemeinsam mit Mutter, Großmutter, Tante, Onkel und Cousine lebt sie ein hermetisch abgeriegeltes Leben, das nach ganz eigenen, strengen Regeln funktioniert: Mahlzeiten, Kleidung und Gegenstände sind streng rationiert, jede Handlung hat ihr zugehöriges Ritual. Die Sterne dienen dabei als Namenspaten und Studienobjekte für die Familienmitglieder. Doch mit zunehmendem Alter wächst in Maia die Sehnsucht nach mehr. Am Anfang von „Die Welt vor den Fenstern“, Tatjana von der Beeks Romandebüt, fiebern wir vor allem auf eine Erklärung hin: Was ist das Haus, wie funktioniert es, warum bleibt die Familie dort? Doch die Autorin konzentriert sich stattdessen auf eine einfühlsame Darstellung von Maias seltsamen Alltag, den sie mit plastischen Details beschreibt. Das ist konsequent, kann aber auch frustrierend sein. Doch die Radikalität, mit der von der Beek ihrem originellen Setting treu bleibt, macht diese unkonventionelle Coming-of-Age-Geschichte trotzdem lesenswert.

Ecco, 2022, 256 S., 20 Euro

6. Imogen Crimp: Unser wirkliches Leben

Buchcover „Unser wirkliches Leben“ von Imogen CrimpEin Coming-of-Age-Roman und ein popliterarischen Streifzug durch London ist „Unser wirkliches Leben“ nur auf den ersten Blick. Die Gesangsstudentin Anna geht eine Liaison mit dem 14 Jahre älteren, wohlhabenden Banker Max ein, der als Liebhaber sowohl sympathischer Lebemann – aber auch ein verbitterter, arroganter und chauvinistischer Egozentriker ist. Schnell entwickelt Anna eine emotionale und materielle Abhängigkeit zu Max, der als Mann der Zahlen herzlich wenig von Annas Karriereplänen als Opernsängerin hält. Gaslighting und subtile Kontrollstrategien sorgen bei Anna für tiefe Selbstzweifel: Max bringt sie sogar so weit, ihren großen Traum infrage zu stellen. Aus Annas Perspektive fängt Imogen Crimp psychologisch präzise ein, was es für eine junge Frau bedeuten kann, sich in ein einseitiges, patriarchales Machverhältnis zu begeben. Dabei verhandelt sie auch den postmodernen Feminismus – vom akademischen Theoretisieren bis hin zu materialistischen Strukturen und der unbändigen Macht der Männer in einer Stadt des Geldes. Durch Crimps sprachliche Raffinesse und ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe wird aus diesem auf den ersten Blick austauschbaren Stoff ein wahrer Pageturner.

hanseblau, 2022, 464 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Margarita Ruppel

5. Phenix Kühnert: Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau

Buchcover „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau“ von Phenix KühnertDiversität wird mehr und mehr zur Normalität, doch nicht nur bei Doppelpunkt und Sternchen sind die Widerstände noch immer groß. „Ich identifiziere mich nicht als trans, ich bin trans“: Phenix Kühnert stellt diesen Satz ihrem Buch voran – und er trägt eine Dringlichkeit in sich, die auch die in linken Kreisen verbreiteten Vorbehalte aushebelt, Diskussionen um Identität seien trendy oder gar ein Luxusproblem. Doch so entschieden die als Aktivistin, Model und Host des Podcasts „Freitagabend“ bekannte Kühnert auch argumentiert, versteht sie sich keinesfalls als Frontenverhärterin, die nur für die eigene Community schreibt. Mit radikaler Offenheit, Empathie und viel Humor erzählt sie aus ihrem Leben – von der Jugend in der Kleinstadt und dem Aufwachsen in einer Gesellschaft, die Menschen ausschließt, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, bis hin zu Dating-Abenteuern in Berlin. So ist „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau“ vor allem die Einladung, sich in neue Erfahrungshorizonte einzufühlen: Vor dem politischen Argumenten steht hier immer das Sich-verletzlich-Machen. Und wenn die Gegenseite sich auch ein kleines Stück aus der Deckung wagt, kann dieses Buch durchaus große gesellschaftliche Fortschritte anstoßen.

Haymon, 2022, 224 S., 19,90 Euro

4. Irene Vallejo: Papyrus – Eine Geschichte der Welt in Büchern

Die besten Bücher im Mai 2022: „Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern“ von Irene Vallejo„Nach den Tagen des Kummers und des Eingeschlossenseins, die wir in der letzten Zeit durchlebt haben, stellen wir – einmal mehr – fest, dass das gedruckte Wort unsere Anspannung lindert und uns reisen lässt, über Balkone und Grenzen hinaus“, schreibt Irene Vallejo in einen Brief an alle Buchhändler:innen. Klar, wir alle haben im Lockdown gelernt, dass Bücher ein besserer Beistand gegen Angst und Ungewissheit sind als Klopapier oder Nudelberge. Doch wenn sich die 43-jährige Spanierin an den Handel wendet, ist das natürlich nicht nur Würdigung und ein Appell, sich weiterhin mit aller Kraft für Bücher im allgemeinen einzusetzen. Ihr Brief ist vor allem ein call to arms, den von ihr verfassten Ziegelstein über die Geschichte der Bücher an die Leser:innen zu bringen. Was zunächst kein leichtes Unterfangen ist: Warum soll man zurück zu den Anfängen der Bibliothek von Alexandria, um sich dann auf gut 750 Sachbuchseiten bis zum Untergang des römischen Reiches vorzuarbeiten? Doch wer „Papyrus“ einfach mal antestet, dem wird schnell klar, dass die Philologin Vallejo nicht nur viel weiß, sondern als Autorin mehrerer Romane auch unterhaltsam vermitteln kann. Geschichte ist bei ihr ein Roman, der von Übersetzern, Spionen, Sklavinnen, Rebell:innen und Abenteurer:innen bevölkert ist. Der historische Abriss als Pageturner – vor allem auch, weil Vallejo immer wieder Brücken zu aktuellen Diskursen baut: Prozesse gegen Cartoonisten, postfaktische Wahrheiten, die literarische Stimme der Frau, Fan-Phänomene … Eigentlich müssen Buchhändler:innen nur eine Leseprobe anordnen: Eine einzige Seite von „Papyrus“ reicht – schon wirkt die Leidenschaft von Irene Vallejo ansteckend.

Diogenes, 2022, 752 S., 28 Euro

Aus d. Span. v. Maria Meinel u. Luis Ruby

Die besten Bücher im Mai 2022

TOP 3

3. Sven Pfizenmaier: Draußen feiern die Leute

Buchcover „Draußen feiern die Leute“ von Sven PfizenmaierNie wieder ein Coming-of-Age-Roman über das Aufwachsen in der deutschen Provinz? Hier sind drei Gründe, warum das Debüt des in Celle geborenen Sven Pfizenmaier doch noch geht: 1. Er überzeichnet seine Helden, etwa Richard, der so langweilig ist, dass alle in seiner Nähe in Lethargie verfallen. Dennoch kommen Richard und all die anderen dem Lesenden emotional sehr nah. 2. Es gibt einen spannenden Plot, weil immer mehr Jugendliche aus der Kleinstadt spurlos verschwinden. Zu tun hat das wohl mit dem legendären Drogendealer Rasputin in Hannover. 3. Pfitzenmaier weitet den Blick und kümmert sich nicht nur um weiße Mittelschichtskids, indem er auch das Russen-Trio Dima, Danik und Doktor Dobrin ins Romanensemble integriert. Und auch hier schimmert hinter dem Slapstick eine sehr sensible Auseinandersetzung mit vermeintlich vorgezeichneten Lebensläufen und Vorurteilen durch.

Kein & Aber, 2022, 336 S., 24 Euro

2. Jon McGregor: Stürzen Liegen Stehen

Buchcover „Stürzen Liegen Stehen“ von Jon McGregorIn der Antarktis werden drei Forscher von einem Sturm überrascht, einer kommt dabei ums Leben. Campleiter Robert hatte die Verantwortung, doch er scheint versagt zu haben. Robert hat allerdings eine Entschuldigung: Er hatte mitten im Sturm einen Schlaganfall. Das bedeutet aber auch, dass er nicht erzählen kann, was passiert ist … Jon McGregor hat seinen neuen Roman in drei denkbar unterschiedliche Teile gegliedert: Teil eins ist ein packendes Abenteuer im Eis, Teil zwei, aus Sicht von Roberts Frau Anna geschrieben, ein medizinisches und emotionales Drama. Teil drei wiederum weitet den Fokus auf die Reha-Gruppe aus, in der Robert lernt, wieder zu kommunizieren. Dabei wird deutlich, dass es dem Autor weniger um den roten Faden und Roberts Geheimnis geht als um das Wesen des Sprechens an sich. So lässt er uns im ersten Teil an Roberts Gedanken teilhaben, in denen die Wörter durcheinanderpurzeln, und zeigt später Strategien auf, mit einem beschädigten Sprachzentrum umzugehen. Nicht viele Romane funktionieren auf so vielen Ebenen gleichzeitig.

Liebeskind, 2022, 336 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Anke Caroline Burger

1.  Yade Yasemin Önder: Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron

Die besten Bücher im Mai 2022: „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ von Yade Yasemin ÖnderTrauen sollte man der namenlosen Icherzählerin besser nicht, doch was als einigermaßen gesichert gilt: Sie wird ein Jahr nach Tschernobyl geboren und wächst in einer deutschen Kleinstadt auf. Als sie acht Jahre alt ist, stirbt ihr Vater, ein schwer übergewichtiger Türke, bei einem Unfall, für den sich die Protagonistin die Schuld gibt. Das Verhältnis zur deutschen Mutter ist schwierig, sie erkrankt an Bulimie, kommt in eine Reha-Einrichtung, bricht die Behandlung jedoch vorzeitig ab und stürzt sich auf der Suche nach Halt und Geborgenheit in wahllose Sex-Abenteuer. Mit ihren Debütroman hat die 1985 in Wiesbaden geborene Yade Yasemin Önder bereits vor vier Jahren beim Open Mike gewonnen, damals noch unter dem Titel „bulimieminiaturen“. Auch jetzt ist der Text noch zersplittert – und doch hat Önder ihm eine spektakuläre Dramaturgie verpasst. Ihre Heldin wütet zornig und aggressiv, sie springt in der Zeit, übertreibt, will bestimmte Sachverhalte nicht preisgeben und verschanzt sich dafür hinter wunderbar absurden Metaphern. Doch Önder federt ihre schweren Themen auch mit sehr viel Humor ab. Vor allem aber sorgt sie dafür, dass beim Zusammensetzen der Splitter auch eine sehr zarte, verletzliche Heldin erkennbar wird.

Kiepenheuer & Witsch, 2022, 256 S., 20 Euro

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