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Literatur

Die Wiedereinführung der Sanduhr von MICHAEL KRÜGER

In schonungslosen Versen rechnet Michael Krüger bisweilen harsch mit der Politik ab – aber der Esel Nepomuk lässt ihn nicht verzagen.

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Viele der Texte in seinem neuem Lyrikband „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ hat Michael Krüger mit einem Datum versehen. Wie in „Mein Europa“ hat er noch einmal „Gedichte aus dem Tagebuch“ genommen, sie in Zyklen neu angeordnet und miteinander in Beziehung gesetzt. Die konkrete Datierung jedes Gedichts verweist auf einen zeitlichen Kontext, in den die Texte und ihre Entstehung gestellt werden. Beginnend mit dem 01. November 2020, bis zum letzten Eintrag am 28. Mai 2022. Vom Höhepunkt der Corona-Pandemie bis zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Krüger zeichnet das lyrische Porträt einer Zeit, in der die Geschichte wieder aus den Fugen gerät.

Er beobachtet das Geschehen. Mit lyrischem Blick achtet er auf „jedes Wundmal der aufgezehrten Landschaft“, immer wieder  von der Tagespolitik eingeholt, denn „am Abend brennt/ auf allen Kanälen das Kapitol“.  So manchen Politiker geht Krüger da auch mal persönlich an:  „Welche Musik hört Minister Lavrov,/ um nicht an die Statistik der Toten denken zu müssen?“. Von Altkanzler und Putin-Kumpel Gerhard Schröder, der immer so wertschätzend von der eigenen Mutter spricht, will er wissen, was er denn zu den Bildern einer alten Frau sage, die in einem Einkaufswagen aus dem Kriegsgebiet evakuiert werden musste.

„Plötzlich war alles Krieg“

Mit dem 2022-Zyklus „Zwölf Gedichte“ versagen dann vor Fassungslosigkeit selbst dem Dichter die Worte: „Zu viel gesehen haben wir im letzten Jahr, der Nachruf kann nichts/ andres sein als Schweigen“. Dabei fehlt es Krüger für gewöhnlich nicht an Worten und sprachlicher Kreativität. Seine Bilder sind subtil, aber stark. Die Sprache voller Leben. Da fliegen Vögel, die einen zu uns sprechenden Schatten werfen. Ameisen, die eine nur aus Bewegung bestehende Straße bis zum Dach hinauf bauen können.

Aber tierischer Protagonist und immer wieder direkter Ansprechpartner ist ein Esel namens Nepomuk, der „schwerhörig“ und außerdem ein „Heide aus Gewohnheit“ ist, für den das gequälte Versprechen einer christlichen Erlösung gar nicht wichtig zu sein braucht. Trotz allem: Mit den letzten Versen des Buches fügt sich nach über 150 Gedichten zumindest in der poetischen Realität alles zu einem aufmunternden Schulterklopfen zusammen. Denn da manifestiert sich die Hoffnung, dass die entgleisende Geschichte zwar „torkelt“, aber deswegen noch lange nicht umfällt.

 

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