Buch der Woche
Die zweitgrößte Liebe von Ruth-Maria Thomas
Sie ist weg. Aber wieso? Ruth-Maria Thomas erzählt in Die zweitgrößte Liebe vom emotionalen und vom finanziellen Erben. Und davon, warum Liebe manchmal einfach nicht reicht.

Schon im Prolog ist klar: Michelle ist weg. Sie hat Henry verlassen. Der Rest des Romans ist eine einzige große Rückblende – das Kennenlernen, das Verlieben, und die langsame, fast unmerkliche Erklärung dafür, warum diese Beziehung am Ende nicht gehalten hat. Man liest also von Anfang an mit einem Wissen, das eigentlich ein Ende in Sicht ist, und jede zarte Annäherung der beiden bekommt dadurch einen leisen Riss, wie einen Vorboten des Sturms, der noch kommen wird.
Michelle: eine Kindheit, die nie ganz loslässt
Michelle kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Sie dreht jeden Cent zweimal um, trägt einen Schuldenberg mit sich, und jede Überstunde, die sie schiebt, ist kein Ehrgeiz, sondern Notwendigkeit. Persönlich hat sie sich eine Haltung antrainiert, die man fast trotzig nennen könnte: Ich nehme mir, was mir zusteht. Sie fragt nicht um Erlaubnis, denn hätte sie je gefragt, hätte sie sich selbst vermutlich nie etwas gegönnt. Es ist eine Überlebensstrategie, geboren aus Mangel, die sich in Michelles ganzem Wesen wie ein Reflex festgesetzt hat.
Nur an einer Stelle bricht diese Panzerung auf: bei ihrem kleinen Bruder. Für ihn wird sie weich, teilt, opfert sich auf, versucht mit allem, was sie hat, ihn und gleichzeitig sich selbst zu retten. Stabilität kennt sie nicht, Rücklagen kennt sie nicht, Sicherheit und ein losgelöstes, freies Leben sind für sie Fremdworte – alles musste sie sich immer hart erarbeiten, Stück für Stück, ohne Netz.
Und über allem liegt das Erbe ihrer verstorbenen Mutter: eine Liebe, der sie dankbar ist, ein Verlust, der sie nicht loslässt, eine Abwesenheit, die sie mitschleppt, jetzt, wo sie ganz allein gegen die Welt antreten muss.
Henry: reich an allem, außer an Nähe
Henry ist das fast spiegelverkehrte Gegenstück. Ein Finance-Bro voller Gefühl, schnell Hals über Kopf verliebt, während Michelle dem Ganzen misstraut und ihn instinktiv auf Abstand hält, weil sie nicht weiß, ob sie beide das lange durchhalten. Henry hat wohlhabende Eltern, hunderttausende Euro an Rücklagen, Aktien, Wertgegenstände, Immobilien. Und doch trägt er eine andere Art von Armut in sich: die fehlende Liebe seiner Eltern, die in seiner Kindheit meist abwesend waren, während sie arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten.
So entsteht eine Konstellation, die auf den ersten Blick wie ein perfekter Tausch aussieht: Michelle ist für Henry die vollkommene Liebe, das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, das er nie hatte. Henry ist für Michelle finanzielle Entlastung und Stabilität, das Fundament, das ihr fehlte. Zwei Menschen, die sich gegenseitig genau das geben könnten, was dem anderen fehlt – und genau deshalb stellt sich die Frage, die den ganzen Roman durchzieht: Kann so ein Konstrukt überhaupt funktionieren, wenn Liebe zur Tauschware wird, selbst wenn niemand das so nennen würde?
„Er brauchte sie, damit es funkelte. Und sie brauchte ihn, um ungestört funkeln zu können.”
Wetter als Gefühl, Gefühl als Wetter
Ruth-Maria Thomas erzählt auktorial, und genau das macht die Lektüre so eindringlich. Wir sind nicht außen vor, wir sind mittendrin im Kennenlernen, spüren jede Verschiebung hautnah mit. Die Autorin arbeitet dabei mit Wettermetaphern, die den emotionalen Verlauf der Beziehung nachzeichnen wie ein Barometer der Gefühle – vom blühenden Frühling der rosaroten Anfangsphase, in der alles leicht und warm scheint, bis hin zum Gewitter, das langsam aufzieht, sich zusammenbraut, und sich schließlich in zerbrochenen Vasen und Michelles Verschwinden entlädt. Es ist ein Bild, das im Roman nie plump wirkt, sondern sich organisch durch die Kapitel zieht, bis man beim Lesen selbst beginnt, auf den Wind zu achten.
Die zweite Liebe einer schmerzhaft ehrlichen Autorin
Schon in ihrem Debütroman „Die schönste Version“ hat Ruth-Maria Thomas gezeigt, wozu sie fähig ist: eine schmerzhaft authentische Schreibweise, die tief in die Risse einer toxischen Beziehung blicken lässt, ohne sich hinter Schönfärberei zu verstecken. In diesem Roman widmet sie sich nun Michelle – beziehungsweise Shelly –, der besten Freundin von Jella, der Protagonistin aus ihrem Vorgängerroman. Michelle ist eine komplexe, in sich widersprüchliche Person, an der Thomas etwas Größeres verhandelt: die Kluft, die emotionales und finanzielles Erbe in eine Beziehung tragen können. Sie zeigt, dass Liebe manchmal allein nicht reicht. Dass Geld und Vergangenheit einen Graben zwischen zwei Menschen aufreißen können, den selbst die tiefste Zuneigung nicht zuschütten kann – nicht, weil die Liebe fehlt, sondern weil das Verständnis füreinander fehlt.
„Die zweitgrößte Liebe” ist damit kein Roman über das Scheitern einer Beziehung im klassischen Sinn, sondern über all das, was zwei Menschen unsichtbar mit an den Tisch bringen, wenn sie sich lieben. Und darüber, wie viel davon am Ende zu tragen ist.
Hat es Ruth-Maria Thomas mit „Die zweitgrößte Liebe“ auf unsere Liste der besten Bücher im September 2026 geschafft?
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