„Familiengeheimnisse“ erschüttern die heile Welt einer Gemeinde
„Immer an der Seite des Opfers“? Die katalanische Serie testet Werte und fordert zu überfälligen Diskussionen auf. Dafür erhielt sie den Premio Ondas als beste Dramaserie.

„Familiengeheimnisse“, Lügen und vor allem ein schwerwiegender Vorwurf des sexuellen Übergriffs unter Jugendlichen erschüttern eine eingeschworene katalanische Gemeinschaft. Manu (Aina Martínez), Pol (Ot Serra Bas) und Steven (Nael Gamell Orejuela) sind beste Freunde und im Castell-Verein, der nach katalanischer Tradition Menschentürme baut; Pols Cousin Roger (Bruno Bistuer Farré) kommt mit seiner Mutter zu Pols Geburtstag in die Stadt. Für die 13- und 14-Jährigen sollte es eine ganz normale Pyjama-Party in der Johannisnacht werden … Doch am nächsten Morgen verbreitet die Jugendliche Lucía (Carla Quílez) den Vorwurf des sexuellen Übergriffs durch Pol, Steven und Roger auf Manu. Auf dieser Basis errichtet Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Leticia Dolera eine Konstruktion, die so komplex ist wie die Menschentürme der Castelleres.
Die Handlung entfaltet sich langsam, aber der sechsteiligen Serie gelingt es mühelos, von Anfang an Spannung aufzubauen. Gleich in der ersten Szene begegnen wir Manu, die in der Gegenwart zweier Psycholog:innen ihre Aussage machen soll. Bevor sie jedoch berichten kann, springen wir zu den Vorbereitungen auf den Johannistag und erleben verschiedene Momente der fraglichen Nacht aus mehreren Perspektiven.

Ruth (Alexandra Russo) und Daniel (Jean Cruz) nehmen an der Versammlung des Castell-Vereins teil, nachdem u.a. ihr Sohn Steven des sexuellen Übergriffs bezichtigt wird. Foto: swr/Distinto Films/Quim Vives
Dolera vermittelt die Reaktionen der Gemeinde mit der bloßen Struktur ihrer Geschichte: Zunächst gerät Rogers alleinerziehende Mutter Júlia (Leticia Dolera) durch die Verdächtigungen gegen ihren Sohn in Bedrängnis, hat die Feministin doch kürzlich ein Buch über Einvernehmlichkeit veröffentlicht. Pols Vater Martí (Xavi Sáez) tritt als Vereinspräsident in die Fußstapfen seines Vaters, der ihm Versagen vorwirft, weil er die lästige Sache nicht schneller „aus der Welt schafft“. Stevens Eltern (Alexandra Russo, Jean Cruz), die aus Venezuela immigriert sind, leben mit ihren eigenen Lügen sowie Existenzsorgen, und werfen dem Verein Rassismus vor. Über die Jungen bricht online ein Shitstorm herein und Lucía legt mit einem anklagenden Video nach. Einzig von Manu sehen wir nichts, als vergesse die Gemeinde, um wen es eigentlich geht. Erst in den letzten Folgen erfahren wir aus ihrer Perspektive, was sich in der Johannisnacht abgespielt hat.

Wie ein Turm aus Menschen besteht „Familiengeheimnisse“ aus einer Vielzahl Akteure, die alle ihren Teil zu einem komplexen, beeindruckenden Ganzen beitragen – und wie bei einem solchen Turm fällt es schwer, alle Individuen gleichermaßen wahrzunehmen. Die Vielzahl der (Neben-) Figuren bei nur sechs Folgen machen es einem zunächst nicht leicht, den Überblick zu behalten. Der mitgliederstarke Castell-Verein liefert zwar eine verständliche Begründung, und schließlich kristallisieren sich die wichtigsten Figuren heraus, aber einige Nebenstränge der Handlung bleiben in der Schwebe hängen. Da wären z.B. die Eheprobleme von Stevens Eltern, die Themen sexuelle Orientierung und Homophobie in der Gemeinde, sowie der Einfluss von Influencern und analogen „Vorbildern“, die toxische Männlichkeit propagieren.
Dennoch gelingt Dolera Beachtliches: Ihr Drama macht es weder sich noch seinem Publikum leicht und durchleuchtet den Umgang mit Aufklärung, Sexualität und Einvernehmen in verschiedenen Generationen. Dabei scheint es ihr weniger darum zu gehen, das Thema abschließend zu behandeln, als durch (unbeantwortete) Fragen Diskussionen anzuregen. Wie können Erziehungsberechtigte kontrollieren, was ihre Kinder im Netz sehen, und dennoch ihre Privatsphäre respektieren? Vor allem aber: Wie vermitteln Erwachsene Heranwachsenden (rechtzeitig!), was Einvernehmen bedeutet, wenn sie das Thema selbst herunterspielen?
Film

Sehenswert

Phoenix und andere: Filme von Christian Petzold bei Arte

Oh la la 2 – Neue Tests, neues Chaos: Derselbe Film noch mal
![Still_[AUSTRALIAN_RESEARCH_STATION]_(c) ThurnFilm GmbH_Fotografin Ines Reinisch](https://kulturnews.de/wp-content/uploads/2026/08/still-australian-research-station-c-thurnfilm-gmbh-fotografin-ines-reinisch-700x394.jpg)
Salz und Wasser: Fahrt durch die Antarktis
