„Garip“ von Altın Gün: Psychrocker auf Schatzsuche
Auf seiner sechsten Platte widmet sich das Quintett aus Amsterdam intensiv dem Werk des verstorbenen Neşet Ertaş.
Seit ihrem Durchbruchalbum „On“ aus 2018 steht die in Amsterdam beheimatete Band Altın Gün für einen Schulterschluss der Jahrzehnte: Rock’n’Roll-Einflüsse der 60er-, Spacefunk-Sounds der 70er- und Synthies der 80er-Jahre werden von dem Quintett unverschämt cool zu psychedelischem Anatolfunk verquillt. Wer dieses groovende Gemisch der Einflüsse seit jeher mag, wird „Garip“ lieben. Zumal die Band den Ausstieg von Sängerin Merve Daşdemir durch eine Zusammenarbeit mit dem Stockholm Studio Orchestra kompensiert hat, was etwa beim getragenen „Suçum Nedir“ herausragend gut funktioniert.
Und auch sonst wagen Altın Gün Neues. War es für die Band stets selbstverständlich, alte türkische Volkslieder neu einzukleiden, nimmt sich die sechste Platte nun einzig und allein des Œuvres der türkischen Folklore-Legende Neşet Ertaş an. Und Ertaş weiß, was es bedeutet, die Dekaden zu vereinen. Hat der zwischenzeitlich in West-Berlin beheimatete Sänger, Texter und Bağlama-Virtuose doch seit Ende der 50er-Jahre rund 30 Alben veröffentlicht. 2010 – zwei Jahre vor seinem Tod – erklärte die UNESCO den Poeten zum „Living Human Treasure“. Und „Garip“ ist mindestens mal ein Sound-Treasure.