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„Gelbe Monster“ von Clara Leinemann

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(Foto: Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag)

In ihrem Debütroman „Gelbe Monster“ zeichnet Clara Leinemann das ungewöhnliche Bild der prügelnden Freundin. Aber ist das gleich pathologisch?

„Gelbe Monster“ von Clara Leinemann ist unsere Buchempfehlung der Woche

Trigger, Trauma und toxische Beziehungen. Gaslighting, Borderline und Love Bombing. Die Gegenwartssprache ist voll von Therapy Speak. Und wer fleißig sucht, findet wohl auch in Clara Leinemanns Debütroman „Gelbe Monster“ zu jedem therapeutischen Terminus die passende Textstelle. Zack, fertig: Buchanalyse für Instagram. Dabei unterläuft dieser zu gleichen Teilen witzige wie niederschmetternde Roman doch gerade jenes Buzzword-Bingo, das jeden Widerspruch reflexartig in eine Worthülse zu pressen versucht. So scheint auch Leinemanns Hauptfigur, die junge Mathematikstudentin Charlie, beinahe konditioniert darauf zu sein, in jeder zwischenmenschlichen Regung ein Abweichen von der Norm zu sehen. Charlie ist – um auch einmal den Therapiesprech zu bemühen – eine Narzisstin im eigentlichen Sinne, sucht Bestätigung ausschließlich im Außen, Selbstsabotage und Selbsthass reichen sich die Hand. Ihr Ventil: Gewalt. Gegen sich selbst, aber auch gegen andere.

Die Leser:innen erfahren früh, dass Charlie in ihrer Beziehung mit dem angehenden Schriftsteller Valentin gewalttätig geworden ist. Unter einer Bedingung ist Charlie vorläufig bei ihrer besten Freundin Ella untergekommen: Sie muss ein Antiaggressionstraining für Frauen absolvieren. Auf zwei Zeitebenen rekonstruiert Leinemann nun die Beziehung zwischen Charlie und Valentin. Um den finalen Knall wissend, verfolgen wir die Genese der Gewaltbeziehung, während Charlie im Stuhlkreis mit den anderen Frauen des Antiaggressionstrainings sitzt. Wie ein griechischer Chor kommentiert dieser im Anbetracht patriarchaler Machtstrukturen das Geschehene – eine reflexive Ebene, die Charlie ansonsten fehlt. Die Versuchsanordnung, mit der sich Leinemann weiblicher Wut und Gewalt nähert, ist grandios. Ihre Figuren sind so voller Widersprüche, man will mit ihnen diskutieren. Auch mit Valentin. Ein Mann, der durch Abwesenheit glänzt und uns fragen lässt: Sollten wir Charlie verstehen? „Gelbe Monster“ ist ein Buch zum Wegatmen, das weder in ein pathologisches Schlagwort noch auf eine Kachel bei Instagram passt. Dort ist Leinemann aber sowieso nicht zu finden.

Mit „Gelbe Monster“ hat es Clara Leinemann auf unsere Liste der besten Bücher im Juni 2026 geschafft.

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