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„Vom Fällen eines Stammbaums“ von Martin Piekar

MartinPiekar
(Foto: Charlotte Werndt)

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ von Martin Piekar streitet ein Sohn mit seiner pflegebeürftigen Mutter – und dieser Debütroman erzählt viel über eine lang unerzählte deutsch-polnische Geschichte.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ von Martin Piekar ist unsere Buchempfehlung der Woche

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung leben in Deutschland etwa 2,2 Millionen Menschen mit einer polnischen Migrationsgeschichte. Sie bilden damit die zweitgrößte Migra-Gruppe des Landes, trotzdem sind deutsch-polnische postmigrantische Erzählungen eher eine Rarität im deutschen Literaturbetrieb. Kein Wunder also, dass Martin Piekars Debütroman „Vom Fällen eines Stammbaums“ bereits für viel Aufsehen gesorgt hat, füllt er mit seinem schweren, derben und zuweilen urkomischen Roman doch eben jene Leerstelle. Bei aller gesellschaftspolitischen Wucht sollte aber nicht unterschlagen werden, dass dieser autofiktionale Roman vor allem handwerklich überzeugt. So wagt Piekar eine besondere Form des Dialogromans. Besonders deshalb, weil er die Mutter seines Protagonisten Marcin fast lautmalerisch in einem polnisch akzentuierten Singsang sprechen lässt, was dann etwa so klingt: „Ah, in Dojczland Sie finden Leben gut? Ich finde, hier ist gute Land.“ Das ist herausfordernd zu lesen, doch so lebendig, dass die Dialoge allein ausreichen, eine komplexe Mutter-Sohn-Beziehung zu zeichnen. Und diese Beziehung ist wirklich alles andere als einfach.

Marcins Mutter heißt Regina. Anfang der 50er-Jahre geboren im russischen Gulag, aufgewachsen im sozialistischen Überwachungsstaat Polen, dort Mathematik und Sonderpädagogik studiert. Geflohen nach Deutschland, wird sie dort alleinerziehende Krankenpflegerin und bald selbst zum Pflegefall. Sie säuft und raucht sich durch eine schwere Depression und schließlich bis in den Krebs. Immer an ihrer Seite: der pflegende Sohn. Erst mit 27 reist der wie Piekar selbst auch Lyrik verfassende Marcin zum ersten Mal in die Heimat seiner Mutter. Er stellt Fragen, spürt posttraumatische Muster auf und findet einen Weg aus der familiären Abhängigkeit. Piekars mitunter tragisches Debüt ist Coming-of-Age-Geschichte, Familien- und Dialogroman in einem, erzählt von Scham und Sprachlosigkeit und von einem Sohn, der sich irgendwie ins Leben hineinruckelt und durch Poesie in die polnische Geschichte der letzten 100 Jahre eintaucht, um schließlich abgenabelt herauszukommen.

Mit „Vom Fällen eines Stammbaums“ hat es Martin Piekar auf unsere Liste der besten Bücher im August 2026 geschafft.

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