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„John of John“ von Douglas Stuart

Buchcover „John of John“ von Douglas Stuart

Booker-Prize-Gewinner Douglas Stuart erzählt von Scham, Selbstverleugnung und verzeihender Liebe – und sein sprachgewaltiger Roman „John of John“ ist ein heißer Anwärter auf das Buch des Jahres 2026.

Wie wäre es mit ein bisschen Cruising? In „John of John“ von Douglas Stuart gehen wir etwa 35 Jahre in der Zeit zurück und wenden uns einer Form der Kontaktaufnahme zu, die heutzutage ausgestorben ist oder bestenfalls noch Ü70 im ländlichen Raum praktiziert wird: die Kleinanzeige.

Wir schauen in die Rubrik „M4M“, wo der 28-jährige William aus Inverness im Norden Schottlands nach seinem Johnny Marr sucht. Was wir sonst noch so über William erfahren: Er ist groß, hat kurze braune Haare und früher mal Rugby gespielt. William bezeichnet sich selbst als aufrichtig, und auf Antworten von Madonna-Queens verzichtet er lieber. Für den 22-jährigen Cal ist das musikalisch schon mal ein Match: „Ich liebe die Smiths (ich mag auch Morrissey, aber ohne Johnny ist er nicht derselbe)“, schreibt er in einer ersten Antwort. Und Will beißt an, er schickt Cal ein Foto von sich, erzählt in seinem Brief von seiner Familie und seinem Alltag. Beugen wir uns also nun über Cals Schultern, als dieser ein zweites Mal auf William reagiert. Aus dem Strickkorb seiner Großmutter Ella hat er sich zwei Stricknadeln und ein rosa Wollknäuel geschnappt. Und zur Verteidigung von Cal sollte hier noch das PPS aus Williams ansonsten sehr züchtigen Brief erwähnt werden: „Wenn es nicht zu unhöflich ist, wie sieht dein Schwanz aus?“

„Er arbeitete um seine Erektion herum, indem er am Schaft begann und Runden strickte, wie ein Maurer, der um den Rauchfang einen Schornstein baut, oder wie Ella, wenn sie bei einem Socken das Fersenkäppchen strickte. Obwohl er sorgfältig arbeitete – und obwohl er fand, dass er gut ausgestattet war –, dauerte es nicht lange. Er folgte der sanften Kurve, nahm Maschen zu, wo sein Penis dicker wurde, und strickte eine doppelte Lage für die Vorhaut. Zur Spitze der Eichel nahm er wieder Maschen ab. Er arbeitete so ordentlich und präzise, dass er das Strickstück am liebsten seiner Großmutter gezeigt hätte. Er beendete die Spitze mit einer winzigen unsichtbaren Naht. Er stopfte den Phallus mit Klopapier aus und überlegte, ob er ihn abschicken sollte oder nicht. Der Schwanz war gleichzeitig hinreißend und Comicheft obszön.“

(aus: „John of John“)

Ich darf verraten, dass Cal den Strickschwanz sehr wohl abschickt, und nun möchte ich von Ihnen natürlich wissen, wie Sie an Williams Stelle auf Cals Päckchen reagiert hätten. Also ich hätte mich in Cal verliebt – nur bin ich das ja schon seit seiner ersten Antwort. „Ich kann stricken, weben, drucken und sticken … sexy, ich weiß, aber falls du mal ein Kissen für deine Tante zu Weihnachten brauchst, bin ich dein Mann“, schreibt er da. Und: „Le deagh dhùraachd. (Ach ja, ich spreche auch Gälisch.)“ Und nicht zuletzt: „Mir wurde gesagt, dass ich schöne Schenkel habe. Du kannst überall suchen, aber du findest keine besseren Beine als die eines Webers.“

Ach ja, wie William reagiert, steht auf Seite 216. Ich weiß, es ist eine Unverschämtheit von mir, dass ich den Ausgang dieses Cruising hier nicht verrate, doch bin ich wirklich der festen Überzeugung, dass ihr Leben ein besseres werden wird, wenn sie sich beim nächsten Buch, das sie lesen, für den dritten Roman jenes Autors entscheiden, der im Jahr 2020 für sein Debüt „Shuggie Bain“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Es klingt abgegriffen, aber es stimmt wirklich: Dieser Familienroman, der um Geheimnisse, um unterdrückte und nicht ausgelebte Gefühle kreist, wird Sie zum Lachen und – auch das sei hier gesagt – sehr viel häufiger noch zum Weinen bringen.

Cal weiß ganz genau, was ihn auf seiner Heimatinsel Falabay erwartet: das karge Leben auf den Hebriden, der windgepeitschte Kreislauf aus Schafzucht und Nächten am Webstuhl.

Sortieren wir mal den Plot des Romans: Cal war an der Kunstschule in Edinburgh, doch findet er trotz guter Leistungen nur einen mies bezahlten Job als Toilettenputzer. Er muss auf den Sofas seiner Freund:innen schlafen und deren Kühlschrank plündern. Aber sein Vater John beordert ihn eh zurück nach Hause: Seiner Großmutter Ella geht es nicht gut, zudem ist die finanzielle Situation der Familie nicht zuletzt auch wegen der Schulden durch Cals Studium mehr als prekär. Cal muss die Freiheiten der Großstadt hinter sich lassen. Mit langen, grün gefärbten Haaren und auf Ecstasy-Pille tritt er die Rückreise an, schließlich weiß er genau, was ihn auf seiner Heimatinsel Falabay erwartet: das karge Leben auf den Hebriden, der windgepeitschte Kreislauf aus Schafzucht und Nächten am Webstuhl. Zudem ist die Enge eine ganz spezielle, denn sein Vater ist Presbyterianer und innerhalb der erzkonservativen, calvinistischen Inselgemeinschaft eine Respektsperson. Für Cal völlig undenkbar, seinen Vater mit der Tatsache zu konfrontieren, dass er auf Typen steht, wie etwa folgende Textstelle zeigt, für die wir noch mal ausführlicher in den Text zoomen:

„,Du siehst aus wie eine Frau. Und dann noch eine hässliche. Warum tust du auf einmal so, als wüsstest du nicht, was in der Bibel steht?’ John gefiel es nicht, wie Cal mit Gottes Wort umging. Er wollte, dass die Tatsachen sich seinen Gefühlen unterordneten. Wenn ihm etwas nicht gefiel, beharrte er es so lange, bis er eine Schwachstelle fand.
Cal richtete sich auf, um seine abgewetzte 501 vom Boden aufzuheben, aber John war schneller. ,Willst du mich blamieren?’ Cal griff nach der Jeans, aber John hielt sie weg von ihm.
,Alle tragen Jeans, Dad.’
,Jeans, ja. Aber nicht solche, solche … Skinhead-Dinger, bei denen man den Umriss deiner Weichteile sieht und hinten dein halber Hintern raushängt.’ Die Männer starrten einander an. Cal wusste, dass seiner Vater so stehen bleiben konnte, bis die Welt unterging. Innerlich fluchend ging er zur Kommode und zog ein paar abgewetzte Cordhosen aus der Schublade. Dann griff er nach seinen zerlöcherten Converse, aber John gab den Turnschuhen einen Tritt und kickte sie unters Bett. ,Bringen wir es lieber gleich ganz hinter uns. Ich habe es immer gehasst, wenn Frauen Streit in die Länge ziehen.’
Cal ging auf alle Viere und suchte unter dem Bett nach seinen Schuhen.
,Die Leute denken, wir könnten uns keine Schuhe leisten.’
,Stimmt ja auch!’
John riss die Jeans auseinander. Der Stoff gab ein hässliches Geräusch von sich. Cal unterbrach die Suche, setzte sich auf die Hacken und sah seinen Vater fassungslos an
,Und wenn die Sonne den Hang anstrahlt, sind deine Haare so kurz und ordentlich wie meine. Verstanden?’“

(aus: „John of John)

Die Situation zwischen Vater und Sohn eskaliert weiter, John wird Cal kurz darauf gar brutal verprügeln. Doch Cal bleibt auf der Insel, denn er fühlt sich seinem Vater eben auch nah: Mit ihm teilt der die Liebe zu den Farben und zu den Stoffen. Und auch beim Mode-Studium in der Stadt hat Cal sich wegen seiner armen Herkunft nie zugehörig gefühlt. Die Meisterleistung von Douglas Stuart ist nun aber, dass er nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte in einem sehr speziellen Umfeld erzählt: „John of John“ ist ein großer Familienroman mit Zeitsprüngen und Wechseln der Erzählperspektive. Nach und nach enthüllt er Geheimnisse, auch auf John lässt er sich mit sehr viel Empathie ein, und nach und nach ist es die tragische Lebens- und Liebesgeschichte des Vaters, die ins Zentrum des Romans rückt.

Douglas Stuart findet einen Sound, der das Körperliche und die Härte des im Roman verhandelten Umfelds mit Cals Sinn für Schönheit und seinem Farbenrausch verbindet.

„Aber auch für solch große Themen braucht man nicht so viele blumige Worte“. Auch bei seinem dritten Roman gilt es noch, Douglas Stuart gegen Kitschvorwürfe zu verteidigen. „Was ist ,ölig’ an Groll, was ,zornig’ an einem erigierten Penis?“, fragt Anna Vollmer etwa in ihrer Besprechung des Romans in der FAS. Natürlich muss man Stuarts Sprachschwulst lieben, und ich vermute, dass Anna Vollmer auch „Shuggie Bain“ und „Young Mungo“ nicht besonders schätzt. Für mich aber gehört Douglas Stuart zu den wenigen Gegenwartsautor:innen, die mit sprachlichen Verzierungen und Pathos in die Vollen gehen können, sich ganz nah an die rote Linie wagen, sie aber nie überschreiten. Was ihm so bei „John of John“ gelingt: Er findet einen Sound, der das Körperliche und die Härte des im Roman verhandelten Umfelds mit Cals Sinn für Schönheit und seinem Farbenrausch verbindet. Nun gut, ich überschreite die rote Linie, wenn ich den Text vom Buchrücken aufgreife, aber es muss sein: Ganz ergreifend erzählt Douglas Stuart hier von der „Macht verzeihender Liebe“.

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