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Im Leben der Anderen

Buchcover „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel

Nach den fremdenfeindlichen Übergriffen in Chemnitz wurde der Debütroman von Lukas Rietzschel vor drei Jahren als ein Schlüsselroman gefeiert: In „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt der heute 27-Jährige, wie junge Sachsen zu rechten Gewalttätern werden. Auch mit dem Nachfolger bleibt der heute in Görlitz lebende Rietzschel der Region treu – der Roman spielt in seinem Heimatort Kamenz – doch erweitert er den zeitlichen Rahmen, indem er in „Raumfahrer“ zwei Familiengeschichten nachzeichnet, die vom Kriegsende bis in die Nachwendezeit reichen. Ausgangspunkt ist der junge Jan Nowak, der noch bei seinem Vater im Keller wohnt und im Krankenhaus jobbt, das demnächst geschlossen werden soll. Hier trifft er auf dem im Rollstuhl sitzenden Thorsten Keun, der ihm aus dem Nachlass seines Vaters einen Karton voller Unterlagen übergibt, auf dem Jans Name geschrieben steht. So erfährt Jan von der Geschichte der Brüder Georg und Günter Keun: Während der Ältere nach West-Berlin geht und schon bald als Georg Baselitz zum gefierten Künstler wird, bleibt Günter im Osten, arbeitet als Fahrlehrer und verzweifelt, als sein Sohn Thorsten eines Nachts von einem Wartburg angefahren wird und der Fahrer einfach weiterfährt. Jan versucht die Verbindungen zu seiner eigenen Familie herzustellen und sieht sich mit Themen konfrontiert, die er lange Zeit umgangen hat: der so wortkarge Vater und Jans Mutter, die ihren Mann verlässt und nach und an ihrer Alkoholsucht zugrunde geht. Geschickt mischt Rietzschel die Zeitebenen, arbeitet die Brüche in Biografien, das Aufladen von Schuld, das Schweigen und das Verschweigen als Kontinuität heraus und offenbart wie ein routinierter Krimiautor erst nach und nach die Überschneidungen seiner beiden Handlungsstränge. Vor allem aber brennen sich die Worte ein, die er findet, um die Gemälde von Georg Baselitz zu beschreiben: Sie machen ein Verlorengehen in der Geschichte fühlbar.

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