Sophia Merwald erhält Kranichsteiner Literaturförderpreis 2026
Der jährlich durch den Deutschen Literaturfonds vergebene Preis geht an die Autorin des Debütromans „Sperrgut“.
Der Kranichsteiner Literaturförderpreis 2026 geht an Sophia Merwald. Die Auszeichnung erhält sie für ihren Debütroman „Sperrgut“, der Ende Januar bei park x ullstein erschienen ist. Der Preis wird seit 2003 jährlich durch den Deutschen Literaturfonds an eine Autorin oder einen Autor unter 35 Jahren mit mindestens einer Buchveröffentlichung vergeben und ist seit 2024 mit 10 000 Euro dotiert. „Hier ist Zärtlichkeit radikal, ist Renitenz kindlich und die Freiheit ein zum Schneiden dickes Gut“, schreibt kulturnews-Autor Simon Bethge in seiner Besprechung des Debütromans von Sophia Merwald.
Die Begründung der Jury
„Das Romandebüt Sperrgut (2026) von Sophia Merwald ist ein den Einsamen zugeeignetes Buch. Erzählt wird darin, wie aus ,unzivilisiertem Nichts’ – einer Brache in einem Gewerbegebiet, in der nichts als die Gewissheit wuchert – ein Schwarzbau entsteht: das Lusthansa, ein von Efeu befallenes Haus, eine Zuflucht vor allem für Frauen. In sprichwörtlich schweren Zeiten, in denen die Dystopie eine der marktgängigsten literarischen Waren darstellt, entwirft Merwald die Utopie eines Gegenlebens an einem Gegenort mit Schankraum, Rutsche und Schlummerbier: Die Lusthansa-Erbauerin ,Kristalloma’ leitet diese verschworene Gemeinschaft aus von der Mehrheitsgesellschaft Ausgespuckten. Ich-Erzählerin Stevie findet Unterschlupf bei ihr, stößt auf eine widerständige Geschichte des Lusthansa, die sie unmittelbar in die eigene Kindheit zurückführt. Zusammen mit ihrer Geliebten Maj tastet Stevie im Möglichkeitsraum des Lusthansa nach ihrer beider Risse und Wunden. Währenddessen verwandelt sich der Rand in ein geheimes Zentrum, das wiederum vom Rand bedroht wird. Denn auch hier gilt: kein Paradies ohne Regelbruch und Vertreibung. Bei genauerer Betrachtung besteht die eigentliche Utopie jedoch nicht in dem auf keiner Karte aufzufindenden Ort, auch nicht in der ins Phantastische spielenden Fabel, sondern im Fabulieren selbst. Ein neuer Ton schleicht sich in die deutsche Gegenwartsprosa ein. ,Sperrgut’ ist ein Buch über die Lehre vom Widersetzen und vom Widersatz – einem bedauerlicherweise außer Gebrauch geratenen Wort. Über die Turmspringerin Maj heißt es einmal, sie spreche wie ein Knäuel, das nicht entwirrt werden will. Ähnliches lässt sich über die Sprache Merwalds sagen. Sie entlädt sich in unerhörten, ja nie gehörten Formulierungen, lauter Widersätzen, in denen der Text seinen Gegensinn frei entfaltet. Mit Sperrgut zeichnet die Jury ein bemerkenswertes Debüt aus, in dem von der ,Gleichzeitigkeit des Verlusts’ und der Erinnerung an jene Menschen erzählt wird, die man tief in sich verräumt hat; ein sprachmächtiges Lehrstück darüber, wie man seine Form findet und zugleich außer Fassung gerät.“
Sophia Merwald, geboren 1998, studierte Journalistik sowie Film- und Medienkultur-Forschung und arbeitet als freie Journalistin. „Sperrgut“ ist ihr erster Roman, für den sie bereits vor Erscheinen mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Alfred-Döblin-Preis. Sie lebt und arbeitet in München.
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