Träume aus Salz von Anika Landsteiner
In der flirrenden griechischen Mittagshitze stellt sich Anika Landsteiners Protagonistin nach und nach einer Lebenslüge.

Es gibt Bücher, die man liest wie einen kühlen Sprung ins Meer. Und Bücher, die einen wie brennende Hitze zum Schwitzen bringen. „Träume aus Salz“ gehört ganz klar zur zweiten Kategorie. Anika Landsteiner ist als Autorin und Journalistin zwischen gesellschaftlichen Themen und ganz persönlichen Erschütterungen unterwegs. Schon in ihren vorherigen Romanen „So wie du mich kennst“ und „Nachts erzähle ich dir alles“ hat sie sich leise, aber hartnäckig an Trauer, weibliche Selbstbestimmung und Themen herangetastet, die Menschen einander verschweigen. Mit ihrem neuen Werk bleibt sie dieser Handschrift treu, verschiebt den Fokus aber in Richtung Intuition und Spiritualität. Und zu der Frage, wie viel Wahrheit wir eigentlich in uns tragen, ohne sie je auszusprechen.
Griechenland, Sommerhitze, ein Urlaub, der eigentlich nach Postkarte aussehen sollte. Flo und ihr Freund Matty verbringen ihre Zeit auf einer kleinen Insel zwischen azurblauem Wasser, Moussaka und griechischen Sommernächten – und trotzdem beginnt Flo langsam durchzudrehen. Sie trägt ein Geheimnis mit sich, das sie Matty nicht erzählen kann, vielleicht nicht mal sich selbst. Dann taucht Sofia auf: Kartenlegerin, Hellseherin, so etwas wie die gute Seele der Insel. Zwischen ihr und Flo entsteht sofort eine Spannung, die sich nicht erklären, nur spüren lässt. Mit den Tarotkarten beginnt sich in Flo etwas zu öffnen, das sie lange zurückgehalten hat.
Macht der Intuition
Landsteiners Sätze fließen wie das Wasser um die Insel – ruhig an der Oberfläche, mit ordentlich Sog darunter. Erzählerisch springt sie zwischen Flos und Sofias Perspektive, zwischen Gegenwart, Traum, Erinnerung und Illusion, und genau in diesem Springen entsteht die Tiefe des Buches. Flos Vergangenheit blitzt in Flashbacks auf, bruchstückhaft – fast so, als würde man sich selbst durch Flos Erinnerung tasten.
Der eigentliche Clou ist aber Sofia. Sie bleibt bis zum Schluss changierend zwischen Mensch und Symbol: Ist sie wirklich da, oder ist sie die Verkörperung genau jener Intuition, die wir alle in uns tragen, aber selten ernst nehmen? Landsteiner gönnt ihr dennoch eine eigene, sehr menschliche Geschichte – Sofia hat ihre Gabe nicht gewählt, sie hat sie von ihrer Mutter Despina geerbt. Und Sofia hängt zu sehr an ihrem Vater und der Insel, um selbst je zu gehen. Genau darin ähnelt sie Flo: Beide sehnen sich danach, endlich sie selbst sein zu dürfen. Beide brauchen die Bestätigung von außen, um sich das zu erlauben. Diese Spiegelung der beiden Frauen, ohne dass es kitschig oder aufgesetzt wirkt, ist der stärkste erzählerische Kniff des Buches.
„Träume aus Salz“ verhandelt die Lasten, die wir mit uns herumtragen, weil es leichter zu schweigen scheint als zu sprechen. Anika Landsteiner schreibt geschickt und atmosphärisch über das Vermissen und über die kleinen Notlügen, mit denen wir unser eigenes Gewissen beruhigen, ohne zu merken, wie viel Kraft uns das eigentlich kostet. Besonders bemerkenswert ist, wie das Buch weibliche Intuition als etwas Konkretes, fast Handwerkliches zeigt: eine Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die erst entstehen kann, wenn man bereit ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Erst dann kann man es auch gegenüber den anderen sein. Flo und Sofia lernen genau das, jede auf ihre Weise: Schuld und Angst loszulassen, um endlich bei sich selbst anzukommen.
Hat es „Träume aus Salz“ von Anika Landsteiner auf unsere Liste der besten Bücher im September 2026 geschafft?
Literatur


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