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Richtig schön unbequem

Ulrike Almut Sandig, Autorin von „Monster wie wir“
Foto: Michael Aust / Villa Concordia

In „Monster wie wir“ erzählt Ulrike Almut Sandig von Ruth und Viktor. Die beiden sind beste Freunde und wachsen in der ostdeutschen Provinz auf. Beide erfahren in ihrer Familie Gewalt und sexuellen Missbrauch. Während Ruth sich mehr und mehr in ihre Karriere als Musikerin flüchtet, sucht Viktor einen Halt in der Neonaziszene und geht schließlich als Au-pair nach Frankreich.

 

Almut, du arbeitest seit mehr als 15 Jahren mit einem Wechselspiel aus Prosa und Poesie, indem du Gedichtbände, Hörspiele, Erzählungen und Musikprojekte veröffentlichst. Ist dein erster Roman jetzt der entscheidende Schritt, das ganz große Ding für dich?

Ulrike Almut Sandig: Nö, es ist einfach mein aktuelles Projekt. Ich habe nie auf einen Roman zugeschrieben, und er ist für mich wirklich null diese Königsdisziplin, auf die man hinarbeitet. Für das Thema und meine Geschichte war er einfach am passendsten.

Gibt es bei dir einen gewissen Groll, weil der Literaturbetrieb so sehr auf Romane fixiert ist?

Ulrike Almut Sandig: Ich kann schon nachvollziehen, dass die Leute in Geschichten eintauchen wollen. Mich irritiert nur, wenn jetzt häufig so getan wird, als würde ich mich zum ersten Mal in meinem Leben politisch oder gesellschaftsfokussiert äußern. In meinem letzten Gedichtband gibt es etwa eine ellenlange Ballade, die sich mit Foltertechniken in Straflagern beschäftigt. Romanleser vergeben sich nichts, wenn sie sich zwischendurch auch mal auf andere Genres einlassen. Das ist nicht immer schlecht.

Bei „Monster wie wir“ hast du dich jetzt für die Form des Romans entschieden, weil es um Themen wie strukturelle Gewalt, die Weitergabe von Gewalt und sexuellen Missbrauch geht?

Ulrike Almut Sandig: Mir ging es um die Gratwanderung, Vorgeschichten zu erzählen, ohne zu sehr zu psychologisieren. Ich wollte von Gewalttaten sprechen, ohne in diese Täter-Opfer-Metaphorik reinzufallen – und um da nicht missverstanden zu werden, wollte ich mehr ausholen können. Auch hier habe ich mich sehr intensiv mit Sprache auseinandergesetzt, trotzdem sollte der Fokus auf dem Thema liegen. Es ist kein Roman, der einfach nur das Thema absolviert und die Sprache folgt dem Thema. Aber es ist mir wichtig, dass wir endlich mal über Gewalt in Haushalten sprechen und nicht nur über avancierte Spracharbeit.

Deine Erzählerin Ruth wächst in einem sächsischen Pfarrhaushalt auf. Sind die in jüngerer Zeit viel thematisierten Missbrauchsaufarbeitungen in den Kirchen und Erziehungsheimen in den Roman eingeflossen?

Ulrike Almut Sandig: Ich habe versucht, das eher draußen zu halten, weil ich kein Buch über institutionellen Missbrauch schreiben wollte. Ich wollte in den Familien bleiben. Ruth ist zwar eine Pfarrerstochter, doch der Missbrauch, der ihr widerfährt, findet nicht in diesem Pfarrhaus statt, und es ist nicht der Vater, der sie missbraucht. Mir war es wichtig, aus meinem eigenen Milieu heraus zu erzählen: Ich stamme aus einem Pfarrhaushalt, und ich habe gemerkt, wenn ich mir anschauen will, wo Gewalt eigentlich anfängt und wo auch die Unfähigkeit sich mitzuteilen anfängt, dann würde ich mir wie eine Hochstaplerin vorkommen, wenn ich nicht auch in meine eigene Vergangenheit schaue. Ohne autobiografisch schreiben zu wollen, war es mir wichtig, auch Autofiktion mit reinzubringen, damit ich die Möglichkeit habe, mir die Sache so genau wie möglich anzugucken. Das geht im eigenen Umfeld natürlich am besten.

Durch diese Erzählhaltung bist du sehr nah dran, gleichzeitig vermeidest du diesen Ton der Betroffenheit, der bei vielen anderen Büchern zu diesem Thema ja eher abschreckt.

Ulrike Almut Sandig: Es gibt kaum verhaltene Reaktionen auf mein Buch. Die Leser*innen reagieren sehr stark in die eine oder in die andere Richtung. Mir fällt auf, dass es vielen lieber gewesen wäre, ich hätte ein rein autobiografisches Buch geschrieben. Wo ich mich dann ganz klar positioniere und sage: Ja, mir ist sexuelle Gewalt widerfahren. Bei dieser Art von Büchern denke ich aber, dass wir mit der Diskussion nicht weiterkommen. Das ist dann für die Leser*innen wie ein bequemer Sessel, in dem sie sich zurücklehnen können: Okay, ich bin nicht sie, ich habe damit nichts zu tun, das ist ihre Geschichte. Es stellt keine Sicherheiten infrage. Wahrscheinlich ist das sogar das größte Problem – dass ich mir sozusagen erlaubt habe, mit dem Thema in einem Roman auch spielerisch und manchmal sogar humorvoll umzugehen.