„Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe
Aus den Tagebüchern ihrer Ahninnen erschafft Miriam Carbe in „Unerwünschte Töchter“ das lebhafte Panorama weiblicher Bürgerlichkeit zwischen 1912 und 1967.
Hier kommt der Schmöker für den Sommer, ein Pageturner – obwohl man ja eigentlich weiß, wie es weitergeht: gar nicht so gut nämlich. Eine Tochter nach der anderen ist unerwünscht. Das schreibt Miriam Carbes Roman „Unerwünschte Töchter“ unmissverständlich jedem der 32 Kapitel ein. Nicht erwünscht sind Margarethe, Marianne, Monika und eben auch Miriam selbst. Warum gerade die Frauen die misogynen Muster ungebrochen weitergeben, lernt man nebenbei ebenfalls: Die beiden Kriege sind schuld, außerdem der soziale Abstieg, das bürgerliche Erbe, die beengten Frauenrollen der damaligen Jahre, was hätte man da machen sollen, später die DDR und, dem entkommt man nun mal nicht: die familiären Gene.
Doch die Autorin, wie man vermuten darf: die letzte der unerwünschten Töchter, erschafft für die Leserinnen reflektorischen Raum, indem sie erzählerisch konsequent der Perspektive der jeweiligen Frauen folgt. Mit Gespür für die Details der Oberfläche und ihre Bedeutsamkeiten zeigt sie uns deren kindliches und jugendliches Erleben und Fühlen: „Draußen war eine freundliche, zarte Luft, die die Haut streichelte. Aber ein Spaziergang an der Pulsnitz? Was bildete er sich ein? Und was hätte die Mutti dazu gesagt! Und dann noch mit einem Malergesellen! Sie wollte keinen Handwerker heiraten, sondern einen berühmten Kunstprofessor. Er würde ihr alles über Kunst erklären und ihr Talent fördern. Mit ihm würde sie in Salons ein imponierendes Paar abgeben …“ Ja, so war das damals, geschildert ohne Sentimentalität und mit viel Originalton aus den Tagebüchern der Ahninnen. Die Aufzeichnungen geben den Stoff jedoch nur vor; erst die unbeirrbare erzählerische Kraft Miriam Carbes erschafft das lebhafte Panorama weiblicher Bürgerlichkeit zwischen 1912 und 1967. Trotz aller Fremdbestimmung ist die Stärke spürbar, die diese Frauen auch haben und um die sie wissen. Man will tatsächlich immer weiter streifen durch ihre Lebensgeschichten.
Wie es der letzten der unerwünschten Töchter ergeht, scheint im Roman selbst offen zu bleiben. Das ist schade; gerne würde man einmal durchatmen nach der Schwere der Geschichte Monikas, der Mutter von Miriam. Doch die vermeintlichen Leerstellen bergen ausreichend Hinweise, dass die Weitergabe der Selbstablehnung durchbrochen oder überwunden wurde. Sonst, soviel ist sicher, gäbe es dieses gelungene Buch nicht.
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