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Victor Jestin, Autor von „Hitze“
Foto: Pascal Ito, Flammarion

Victor, gleich der erste Satz von „Hitze“ geht in die Vollen: „Oscar ist tot, weil ich ihn beim Sterben zugesehen habe, ohne mich zu rühren.“ War das die Ausgangsfrage für dein Debüt: Warum beobachtet ein 17-Jähriger den Selbstmord eines Gleichaltrigen und schreitet nicht ein, um ihn davon abzuhalten?

Victor Jestin: Der Ausgangspunkt war: Wie die Angst erzählen, die diese Ferienorte in mir ausgelöst haben, die eigentlich mit Fröhlichkeit assoziiert werden? Diese Anfangsdramatik schafft einen Kontrast, der die dunklen Seiten der Campingplatzsituation deutlich werden lässt: Der tragische Erzähler Léonard wacht inmitten von Feiern, Gelächter und Grillpartys auf. Manchmal weiß man nicht einmal mehr, warum er sich schlecht fühlt: Weil er eine Leiche vergraben hat oder einfach weil er auf diesem Campingplatz Urlaub macht? Die Frage des Selbstmords war also eher nur ein Motor für die Geschichte als ein Thema an sich.

Bist du bei dem apathischen und misanthropischen Léonard an die Grenzen deines Einfühlungsvermögens gestoßen?

Victor Jestin: Ich spüre dieses Problem des Mangels an Empathie weder als Leser noch als Autor. Es ist sogar umgekehrt: Ich mag Charaktere, die nicht leicht zu lieben sind, etwa die Erzähler von Thomas Bernhards Büchern oder die Helden von Robert Bressons Filmen. Ich mag, dass sie meine eigenen moralischen Grenzen berühren und dass ich fühle, wie sie mir entgleiten. Eher als von Empathie könnte man von Interesse sprechen. Bezogen auf Léonard war es nicht schwer, mich in ihn zu versetzen, denn er ähnelt mir in vielen Punkten. Ich wusste, was er denkt und fühlt. Schwierig war es, seine eigne Stimme zu finden.

„Zuerst zerreißt es das Herz, Geschriebenes in den Papierkorb zu werfen, aber schließlich gewinnt man wirklich Freude daran.“

Dein Roman hat gerade mal 150 Seiten, doch dir gelingt es nicht nur, Léonard sehr nah zu kommen, sondern auch die unterschwellige Bedrohung des Campingplatzszenarios extrem eindringlich abzubilden. Hat es viel Anstrengung gekostet, den Text derart zu verdichten?

Victor Jestin: Gilles Deleuze spricht von Stil, wenn es gelingt, in der eigenen Sprache zu stammeln. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Zitat vollständig verstehe, aber ich finde es großartig! Leonards Empfindungen sind heftig, aber er hat Mühe, sie zu formulieren. Diese Spannung, diese notwendige Anstrengung bringt seine eigene Sprache, seine innere Stimme, hervor. Tatsächlich waren die ersten Romanfassungen umfangreicher. Ich habe viel gestrichen, sowohl in der Geschichte wie auch in den Sätzen selbst. Das ist meine liebste Arbeitsphase, ähnlich wie der Schnitt in der Filmbearbeitung. Zuerst zerreißt es das Herz, Geschriebenes in den Papierkorb zu werfen, aber schließlich gewinnt man wirklich Freude daran.

Du stellst dem Roman ein Zitat aus „Woyzeck“ von Georg Büchner voran – eine überraschende Wahl.

Victor Jestin: Dieses Stück fasziniert mich: seine radikale Anlage, seine Gewalt, seine poetischen Geistesblitze. Mehr noch, ich liebe die Oper, die Alban Berg daraus gemacht hat. Für mich ist es ein Vorbild narrativen Könnens. Als meine Verlegerin mir vorgeschlagen hat, dem Buch ein Zitat als Einleitung voran zu stellen, wollte ich unbedingt diesen Satz: „Er läuft wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneidt sich an Ihm“. Ich fand, dass es meinem Erzähler entsprochen hat. Sicher, Léonard läuft nicht durch die Welt, er schleppt sich eher langsam auf den Wegen eines Campingplatzes dahin, aber seine überreizten Nerven machen ihn nicht weniger gefährlich für andere.

An einigen Stellen klingt Léonard wie sein eigener Großvater. Er kann überhaupt keine Verbindung zu Gleichaltrigen herstellen. Ist er etwas Besonderes, oder gibt es in seiner Altersgruppe viele solcher Außenseiter?

Victor Jestin: Er ist ungewöhnlich, als wenn er in der falschen Zeit leben würde. Ich weiß nicht, ob viele Heranwachsende so sind. Wenn alle anderen Charaktere des Romans das Wort ergreifen würden, wie Leonard als Erzähler es macht, würde man vielleicht merken, dass sie alle genauso verloren, eigenartig, „fremd“ sind wie er. Das sage ich mir auch, wenn ich mich irgendwo schlecht fühle, vor allem an Orten, wo sich Menschen amüsieren.

„Am schwierigsten erscheint es mir, Vergnügen und Lust auszudrücken. Und noch mehr: Liebe.“

Für viele Autor*innen sind klischeefreie, unpeinliche Sexszenen eine der größten Herausforderungen.

Victor Jestin: Ich habe nicht sehr viel Erfahrung in diesem Metier, aber ich stimme eher zu. Am schwierigsten erscheint es mir, Vergnügen und Lust auszudrücken. Und noch mehr: Liebe. Die lange Sexszene in der Mitte des Romans ist das Gegenteil davon: Sie beschreibt eine katastrophale Erfahrung, ein völliges Scheitern.

Dann ist traumatischer Sex leichter?

Victor Jestin: Er ist psychologisch reichhaltiger und auch komischer. Ehrlich gesagt hat es genügt, mich an meine katastrophalste Erfahrung zu erinnern und sie ohne allzu große Scham zu erzählen. Es ist interessant, wie sich die Darstellung des Orgasmus in der Literatur in den verschiedenen Zeiträumen entwickelt hat. Mir scheint, dass der Orgasmus zunächst umgangen, dann angedeutet und schließlich dargestellt wurde. Noch später, insbesondere seit Michel Houllebecq, interessiert man sich für den „l’après-orgasme“. Was passiert nach dem Orgasmus? Was bleibt zu schreiben?

Läuft Léonard Gefahr, im Alter als zynische, schwer misanthropische Figur in einem Roman von Houellebecq zu enden?

Victor Jestin: Leonard ist in der Tat ziemlich misanthropisch. Aber er hat auch eine gewisse sonnige Naivität, die manchmal aufkommt und ihn vor totaler Depression und Zynismus bewahren kann. Aber im Grunde kann ich auf die Frage nicht antworten, weil ich keine Idee habe, was den Charakteren passiert, wenn das Buch beendet ist. Ist das Buch fertig, sterben sie alle. Darum muss man ein weiteres schreiben.

Zusammen mit dem Regisseur Thomas Petit hast du bereits zwei Drehbücher geschrieben. Wünschst du dir, dass „Hitze“ verfilmt wird? Und wenn ja, wer sollte dann die Regie übernehmen?

Victor Jestin: Von den klassischen Filmregisseuren wäre es Louis Malle gewesen, nur um ein wenig zu fantasieren. Ich liebe seine Filme, und „Le Feu Follet“ war ein wichtiger Bezugspunkt für diesen Roman. Eine Kinoadaption ist in Arbeit, aber ich glaube, ich darf den Namen des Regisseurs noch nicht nennen. Tut mir Leid! Es gibt sicher Ähnlichkeiten zwischen dem Schreiben von Romanen und dem Schreiben von Drehbüchern, aber zunächst sind das zwei sehr unterschiedliche Künste. Es kann gefährlich sein, das zu vergessen. Für mich setzt eine gute Kinoadaption ein sensibles Verständnis des Romans voraus, aber auch die Fähigkeit, ihn zu verraten. In gewisser Weise muss der Roman verschwinden.