Wir werden Wind ernten von GUNNAR STAALESEN
„Wir werden Wind ernten“ ist bereits der 17. Band mit Privatdetektiv Varg Veum – und Gunnar Staalesen zeigt seinen Ich-Erzähler so verletzlich und sensibel wie nie zuvor.

„Wir werden wind ernten“ von Gunnar Staalesen ist unser Krimitipp der Woche
Bohrtürme, Windräder oder Holzkreuze? Was verschandelt die Natur am meisten? Nun, da gehen die Meinungen auseinander. Je nachdem, ob man in ihnen Symbole für ausbeuterische Profitgier, modernes Teufelszeug oder religiösen Fanatismus sieht. Auf einer abgelegenen Insel vor der norwegischen Westküste stürmt es im Jahr 1998 nicht nur meteorologisch: Ein geplanter Windpark erzürnt Einheimische und Umweltschutzgruppen. Da eskaliert lautstarker Widerstand auch mal zu handfester Gewalt.
Als der zuständige Bauunternehmer Mons Mæland verschwindet, wird Privatdetektiv Varg Veum von dessen Ehefrau Ranveig mit der Suche beauftragt. Dass Veum dabei windige Geschäftspraktiken offenlegt, überrascht ihn nicht. Im Interessen-Geschacher bei profitablen Großprojekten wie diesem, wechselt so manch ein norwegisches Krönchen gern mal den Geldbeutel. Selbst bei sauberer Energie wird schmutzig geschmiert, damit Turbinen und Karrieren angekurbelt werden. Doch was dafür an der Küste stählern gen Himmel wachsen soll, findet eine fundamental-christliche Gruppe so garnicht gottgewollt. Mit allen biblischen Mitteln gilt es, die Schönheit der Schöpfung zu verteidigen. Gehört dazu aber auch, jemanden ganz im Wortsinn ans Kreuz zu nageln? Es wird nicht bei einem Todesfall bleiben und der raubeinige Ermittler ahnt das.
Gunnar Staalesen legt seinen norwegischen Privatdetektiv in der Tradition von Chandlers Philip Marlowe an
Als ehemaliger Sozialarbeiter zeigt Varg Veum ein offenes Ohr für alle Konfliktparteien, horcht bei familiären Unstimmigkeiten aber auf. Dass Mælands erste Frau Lea angeblich Suizid im Meer begangen hat, wirft auch nach vielen Jahren noch Zweifel auf. Leas Leiche wurde nie gefunden und der ehemalige Polizist Brekkhus scheint als Freund der Familie den Fall vorschnell abgehakt zu haben. Die bei Leas Kindern unbeliebte Ranveig war dann auch etwas zu rasch als Trösterin an Mons Mælands Seite. Gunnar Staalesen legt seinen norwegischen Privatdetektiv in der Tradition von Chandlers Philip Marlowe an. Varg Veum gilt seit fast 50 Jahren als einsamer Wolf in der skandinavischen Kriminalliteratur, die sonst von Polizeiromanen geprägt ist. Im 17. Band der Dauerserie zeigt uns Staalesen den Ich-Erzähler Veum so verletzlich und sensibel wie noch nie. Mit dem vordergründigen Ökothriller-Plot und dem Familiendrama um Rivalität, Lügen und Eifersucht verbindet er die dialogstark erzählte, wendungsreiche Geschichte mit einem schicksalhaften Ereignis: Varg bangt um seine schwerverletzte Verlobte Karin, die nach einer Geiselnahme um ihr Leben ringt. Eine Szene am Krankenbett vermag den hartgesotteten Ermittler weichzukochen – und treibt selbst einem abgebrühten Hardboiled-Rezensenten die Tränen in die Augen. Gunnar Staalesen gibt Veum ordentlich Gegenwind, der Luftdruck einer Explosion wirbelt vieles durcheinander. Am Ende wird Veum eine Flasche Aquavit leeren, um all das erstmal zu verkraften. Und dann macht er den Abflug.
Hat es Gunnar Staalesen mit „Wir werden Wind ernten“ auf unsere Liste der besten Krimis im August 2026 geschafft?
Literatur


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