Alice von MARLEN MAIRHOFER
Marlen Mairhofer schickt ihre „Alice“ nicht ins Wunderland, sondern mitten hinein in unsere Wirklichkeit: Das ist unbequem, klug und zwickt genau dort, wo man sein inneres Kind behütet.

Alice fällt hin, fällt auf, fällt herein. Sie fällt über Kuchen her, aus der Rolle und aus allen Wolken. Marlen Mairhofer reiht Aufzählung an Aufzählung und schickt ihre Protagonistin damit durch ein Leben, das nur auf den ersten Blick nach Kindheit aussieht. Einen Kaninchenbau gibt es nicht in dem poetischen Relaunch des Klassikers von Lewis Carroll, auch keine sprechenden Teekannen. Wunderland ist hier ein Märchen, ein ferner Ort ohne Eingang, ein direkter Kontrast zur Realität.
Denn Alice bleibt, wo sie ist: im Hier und Jetzt, in einer Welt, die für Mädchen erstaunlich wenig Zauber übrig hat. In rund 40 kurzen Kapiteln wächst sie auf; und wacht auf – doch wird sie den Alptraum nicht los. Alice ist nicht nur irgendein Mädchen, sondern alle Mädchen sind Alice. Sie brüllt „Schau, Mama, schau Papa!” und wird übersehen. Später wird sie zu viel gesehen, von den falschen Augen, auf die falsche Art. Sie wird angestarrt, angefasst, bewertet und klein gehalten, sobald sie größer wird. Mit jedem Kapitel verliert Alice so ein Stück Magie, bis sie eine Frau ist. Viel zu früh, viel zu unvorbereitet und mit viel zu vielen Erwartungen im Gepäck, wie man das alles richtig macht, ohne daran kaputtzugehen.
Kurz und schmerzvoll
Die Kapitel sind kurz und bringen es trotzdem auf den Punkt. Mairhofer erzählt schlicht, fast kindlich, und gerade diese stumpfe Ehrlichkeit tut so weh. Patriarchat steht nirgends als Schlagwort, sondern steckt in Blicken, Sätzen und Kleinigkeiten, die so selbstverständlich sind, dass man sich nicht mal wehrt. Geschweige denn, dass man als Kind gewusst hätte, wogegen. Das Herzstück ist die Liste, die Reihung, die Aufzählung. Mairhofer baut daraus Sätze, die stolpern und sich wieder fangen: Wie es sich anfühlt, für alles zu groß und für alles andere noch zu klein zu sein, führt der Text vor, statt es nur zu behaupten.
Das Buch ist dünn und trügt damit. Wer es überfliegt, ist in einem Nachmittag durch. Wer sich hinsetzt, die Aufzählungen ernst nimmt und mit dem Textmarker wie früher im Deutschunterricht anrückt, kann an einzelnen Seiten stundenlang hängen bleiben, Metaphern einkreisen, Randnotizen kritzeln und still werden, wenn ein Bild tiefer trifft als erwartet. Man fühlt sich ein bisschen wie Barbie in Greta Gerwigs Spielfilm, die aus ihrer pinken Glitzer-Welt in die echte stolpert und mit jeder Minute fassungsloser wird. Nur dass hier niemand zurück ins Traumhaus kann.
Fall, Alice, fall
Man muss das Wort Patriarchat nie gehört haben, um es zu verstehen. Jede kennt diesen Moment, in dem man ein bisschen weniger Mädchen war, ein bisschen weniger man selbst und ein bisschen weniger hoffnungsvoll, weil man begriffen hat, wie unfair die Welt für Frauen ist. Marlen Mairhofer legt diese Momente mit jeder Zeile ihres beeindruckenden Debüts frei, ohne Pathos und ohne Gnade. „Alice” ist eine unbequeme Leseerfahrung mit kunstvollen Worten. Ein Buch für alle, die mal ein Mädchen waren. Und auch für alle, die endlich verstehen wollen, wie sich das anfühlt.
Wer sich für „Alice“ von Marlen Mairhofer interessiert, sollte auch unsere Rezension zu „Haltet euch fest“ von Mareike Fallwickl lesen

Literatur


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