He is not your Savior!
Auf seinem zweiten Album „Glanz Null“ kämpft Apsilon auch gegen sein Image, wird dabei radikal ehrlich und schießt gegen Cem Özdemir, Markus Lanz und den Vizekanzler.
Schwer kann er wiegen, der Hype. Wobei „Hype“ kaum ausreicht, um zu beschreiben, wie der Berliner Rapper Apsilon rund um sein Debütalbum „Haut wie Pelz“ im Jahr 2024 hofiert wurde. In beinahe messianischem Ausmaß stilisierte ihn die vage linksliberale Musikbubble zu Deutschraps Paul Atreides. Das Problem: Haben sich erst einmal alle auf dich geeinigt, sind plötzlich auch diejenigen deine Fans, die du nie wolltest. Arda Yolci, wie Apsilon mit bürgerlichem Namen heißt, hat dieses Dilemma erkannt und zu einem zentralen Moment seines deshalb so fantastischen neuen Albums „Glanz Null“ gemacht. Wie man mit herangetragenen Erwartungen umgeht, weiß der Berliner sowieso, hat er diese doch bereits 2022 in „Druck“ berappt – ein Song, der ein Versprechen in sich trug, dem Apsilon mit seinem zweiten Album nun Nachdruck verleiht: „Lieber schlechte Haltung, dafür Rückgrat“.
Was will Klingbeil von Apsilon?
Es ist ohnehin erstaunlich, dass sich schnell eine solch breite Gruppe auf Apsilon einigen konnte, waren seine ersten EPs doch von hartem Sound und explizit politischen Texten geprägt. Verglichen mit einem Haftbefehl oder Nizi19 passten der dann doch eher zugewandte Auftritt und das mitunter zärtliche Debütalbum Apsilons wohl aber deutlich besser in eine bürgerliche Mitte und ihre Deutschrap-Playlists (Feueremoji), in denen ansonsten Ski Aggus „Friesenjung“ und nicht „Azzlacks sterben jung“ zu finden war. Mit einem Mal standen blonde Kids in der ersten Reihe der Apsilon-Konzerte und brüllten „Ich trinke Çay und esse Köfte!“, und Vizekanzler Lars Klingbeil, dessen Partei nun wirklich alles andere als antirassistische Politik betreibt, outete sich als Fan.
„Fick Markus Lanz und Anne Will auch“
„Glanz Null“ zieht nun wieder klare Trennlinien. „Politiker lutschen Eier, aber verstehen nicht meine Songs“, heißt es in „Glanz“, während „Ghibli Freestyle“ eine Absage an die Kulturindustrie, ihre roten Teppiche und Supermarkt-Werbedeals ist. Stattdessen heißt es: Baden in der Ägäis und Shisha im Café. Was subkutan mitschwingt, ist die Wut auf eine weiße deutsche Öffentlichkeit, die sich immer genau so lange mit migrantischen Narrativen schmückt, bis diese anfangen, zu zwicken. Und diesmal knallt es auch bei Apsilon. „Nein, ich setz’ mich nicht an Tisch mit euch bei Hart aber Fair“, heißt es auf dem düster dräuenden „Keiner von euch“, bevor ohne Rücksicht auf Verluste gegen Markus Lanz, Anne Will, Cem Özdemir, Jens Spahn und den erwähnten, Apsilon bei Instagram folgenden Vizekanzler geschossen wird. Kendrick Lamars Antihelden-Hymne „Savior“ lässt grüßen.
„Die apokalyptische Grundstimmung“, so Apsilon, habe „Glanz Null“ maßgeblich beeinflusst. „Im Kleinen wie im Großen.“ So lässt sich dieses Album auch nicht ohne den Gazakrieg lesen, der laut einer unabhängigen Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats vier von fünf Kriterien eines Völkermords erfüllt, während in Deutschland propalästinensische Demonstrationen trotzdem weiterhin buchstäblich mit Füßen getreten werden. „Ausgeladen werden bei ’nem Festival, weil man seine Fresse aufmacht zu Palästina“, spuckt Apsilon über das angenehm rumpelnde Instrumental von „Rennen“. Mit dabei: Summer Cem. Ein Rapper, der wohl eher in die Riege Haftbefehl, Nizi19 einsortiert werden würde.
Mit anderen Worten: Nicht assimiliert genug, um Everybody’s Darling zu sein. Dass sich Summer Cem aber wider seines eigentlichen Rap-Naturells zu einem bemerkenswert politischen Part hinreißen lässt, zahlt vor allem auf das szeneninterne Standing ein, das Apsilon bereits in jungen Jahren genießt. So findet sich auf diesem Album wohl auch das unikkimeligste Ikkimel-Feature aller Zeiten wieder: ein Duett über unmögliche Liebe in einer ungleichen Welt. Wer auf ein Apsilon-Album will, muss liefern. Damit wäre nun also das große Bild gezeichnet – aber was ist mit dem versprochenen kleinen?
Noch nie so allein
Nun. Eine Antwort liefert das Outro von „Kaputte Diamanten“. Wie so viele endet auch dieser Song mit einem Dialogfragment. „Je mehr da draußen alles untergeht, habe ich das Gefühl, dass in mir etwas untergeht.“ Wir erinnern uns: „Im Kleinen wie im Großen.“ Der Rückzug ins Innere ist die folgerichtige Reaktion auf den Abfuck der Welt. Die Pöbeleien werden kontrastiert von den wohl ehrlichsten Songs, die Apsilon je geschrieben hat. „Ich war noch nie so allein“, konstatiert er in „Berg“.
Es ist der titelgebende kindliche Glanz, der Apsilon abhanden gekommen zu sein scheint, der ihm geraubt wurde von den ebenfalls besungenen Männern in ihren Schlössern. Und so häufen sich die essenziellen Fragen auf diesem Album, das den auf Apsilons Debüt noch etwas wackeligen Schulterschluss aus Songwriting und Rap nun gekonnt vollführt: „Wie schnell muss ich rennen, damit die Sonne nie untergeht?“, „Wie werd’ ich ein ganzer Mensch?“, „Was liebst du an mir?“. All das kulminiert in dem bedrückenden „Sommermärchen“, das 20 Jahre nach der WM 2006 auf die damaligen NSU-Morde zurückblickt und über das es kein anderes Urteil geben kann als: Gänsehaut. Apsilon schließt den Song mit der Einsicht: Es ist wichtig, dass er solche Lieder schreibt. Ganz egal, wer da in der ersten Reihe seiner Konzerte steht. Und dem ist nichts hinzuzufügen.