Hanns Zischler über Vaterland: Gegen die Barbarei
Paweł Pawlikowskis „Vaterland“ fiktionalisiert die Rückkehr Thomas Manns im Jahr 1949 nach Deutschland. Für Hanns Zischler ist das kein Biopic, sondern höchst politisch.

Herr Zischler, für das Drehbuch zu „Vaterland“ haben Paweł Pawlikowski und Ko-Autor Henk Handloegten sich durchaus Freiheiten herausgenommen. So wurde Thomas Mann in Wahrheit nicht von seiner Tochter Erika begleitet, sondern von seiner Ehefrau Katja. Hat Sie dieser Zugriff gleich überzeugt?
Hanns Zischler: Dem irischen Autor Colm Tóibín ist mit seinem Roman „Der Zauberer“ etwas ganz Großartiges gelungen, indem er die bis ins Letzte dokumentierten Familienkonstellationen neu gemischt und dadurch andere Schwerpunkte gesetzt hat. Das war für mich eine unglaubliche Entdeckung. Und ähnlich frei, sozusagen ähnlich unbelastet, sind Paweł Pawlikowski und Henk Handloegten vorgegangen, indem sie eine Verdichtung, eine Konfrontation hergestellt haben, die in dieser Form dokumentarisch so nicht überliefert ist. „Vaterland“ ist kein Biopic, das ist sehr entscheidend. Pawlikowski bezeichnet seinen Film ja auch als documentary fiction, und das ist, wie ich finde, ein sehr passender Ausdruck dafür.
Thomas Mann als historische Figur ist fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Rein äußerlich ist Ihnen eine überraschende Ähnlichkeit gelungen. Wie nah wollten Sie sich auch darstellerisch der realen Person annähern?
Zischler: Ich habe mich Thomas Mann bis zu einem gewissen Punkt genähert, bin mir aber treu geblieben und spiele eine fiktive, neu entwickelte Figur. Diese Freiheit muss man sich erlauben. Die Anleihen sind, wenn Sie so wollen, eigentlich ganz äußerlicher Art, sozusagen das Kostüm. Es sind seine Haltung, seine Auftritte. Das waren keine tänzerischen Bewegungen, sondern sie hatten etwas Steifes, eine geradezu körperliche Contenance. Was mich besonders gereizt hat, war natürlich, einer sehr widersprüchlichen Figur wie Thomas Mann sozusagen eine Fassung zu geben. Er kommt als Emigrant nach Deutschland und sucht nach einem Vaterland, das es gar nicht mehr gibt. In Frankfurt am Main lässt man ihn spüren, dass er nicht willkommen ist, und er wird ausgepfiffen. Im Osten will man ihn für die sowjetische Kulturpropaganda vereinnahmen.
Der Film ist enorm dicht erzählt und bis ins Detail durchkomponiert. Fast jede noch so kleine Geste dient der Charakterzeichnung und der emotionalen Entwicklung. Wie genau war dies bereits im Drehbuch festgeschrieben?
Zischler: Das Drehbuch war sehr knapp, um nicht zu sagen verblüffend kurz. Paweł aber hatte jede Szene festgelegt. Die Reaktionen der Spielenden aufeinander, die Gestik – all das hat er als Regisseur erst mit uns entwickelt. Er und der Kameramann Łukasz Żal hatten eine genaue Vision davon, wie die Bilder gesetzt sein mussten. Jedes Detail im Bild war vorher genau überlegt. Das ist etwas ganz Ungewöhnliches. Heute wird in Filmen ganz schnell hin- und hergeschnitten. Es muss ein Flow entstehen und so weiter. All das braucht er nicht, weil jedes Detail im Bild wie eine Bühne vorbereitet ist, auf der wir auftreten konnten. Das ist für jeden Schauspieler ein Geschenk.
„Vaterland“ spielt im Jahr 1949 und ist damit ein Historienfilm. Inwieweit spricht der Film auch zu unserer Gegenwart?
Zischler: Für mich ganz zwingend, vor allem in der Frage, wie wir mit Fremden umgehen. Der Thomas Mann, der 1949 zurückkehrt, ist ein Fremder geworden. Die erste Reaktion sind Abwehr und Vorwürfe. Auch heute werden gegen Fremde sofort Ressentiments mobilisiert. Der andere Punkt ist der genuine, unverzichtbare Wert von Kultur und insbesondere der Literatur. Auf diesem besteht er, und zwar ohne Wenn und Aber. Er sagt: „Literatur kennt keine Zonen.“ Das ist nicht nur so dahingesagt als sozusagen ironischer Witz über die Teilung Deutschlands in Ost- und Westzonen. Er besteht auf Kultur. Wenn wir auf sie verzichten, sind wir verloren. Und wenn ich so auf Kultur bestehe, dann muss ich mich gegen Barbarei wehren. Und auch wenn sie heute wieder auftritt, muss ich wieder auf Kultur bestehen.
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