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„Nullerjahre“ von Hendrik Bolz: Plattenbau O.S.T.

Portraitfoto Hendrik Bolz
Foto: Greta Baumann

Wir leben im Zeitalter der Semi-Autobiografien: Zahllose Autor:innen schreiben aktuell am liebsten über das eigene Leben, verändern aber gerade so viele Details, dass das Ergebnis irgendwo zwischen Memoiren, Roman und Essaysammlung landet. Dass Hendrik Bolz für „Nullerjahre – Jugend in blühenden Landschaften“ genau diese Methode angewendet hat, lässt sich allerdings besser nachvollziehen als bei manchen Kolleg:innen. Denn was er darin schildert, ist schmerzhaft, nicht selten kriminell – und beschämend, für Bolz, seine Verwandten und Bekannten, nicht zuletzt für die Bundesrepublik selbst.

Bolz ist in Stralsund aufgewachsen, in der Plattenbausiedlung Knieper West, bis heute ein Brennpunkt. Geboren 1988, ist er zu jung, um die DDR bewusst erlebt zu haben, doch der soziale Umbruch, der auf die Wende folgte, hat seine Jugend geprägt: in Form von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Perspektivlosigkeit – und immer wieder Rechtsextremismus. Bolz schreibt von Ferienlagern, die von strammen Nazis geleitet werden, von Alkohol- und Drogenexzessen, von Rassismus und Homophobie, von Schlägereien, die zum Alltag gehören. Immer wieder streut Bolz dazu Statistiken und historische Kontextualisierungen ein. Es sind Fakten, die wir eigentlich alle kennen, selbst, wenn wir im Westen groß geworden sind. Doch durch Bolz’ schonungslosen Bericht gewinnen sie eine neue Relevanz.

Hier schreibt ja nicht irgendwer. Viele kennen Hendrik Bolz als Testo, als eine Hälfte des HipHop-Duos Zugezogen Maskulin. Er hat es 2010 gegründet, nach seinem Umzug nach Berlin, gemeinsam mit dem Westdeutschen Moritz Wilken alias Grim104. Mit ironischen Tracks wie „Endlich wieder Krieg“ haben ZM immer mal wieder kleinere Kontroversen verursacht, doch Fans und Feuilleton ist klar, wo das Duo steht: weit drüben in der linken, feministischen, progressiven Ecke.

Seine erfolgreiche Karriere mit Zugezogen Maskulin erwähnt Hendrik Bolz in „Nullerjahre“ nur mit zwei Nebensätzen

Seine Rapkarriere erwähnt Bolz hier nur in zwei Nebensätzen. Trotzdem spielt sie eine große Rolle in „Nullerjahre“, denn in vielerlei Hinsicht ist Testo das Gegenteil des Hendriks von damals. Umso schockierender kann es sein, die Welt durch die Augen des letzteren zu sehen. Bolz schont weder uns noch sich selbst. Er gibt nicht vor, moralische Bedenken gehabt zu haben, wenn er mit Kumpels gekifft hat, die Hakenkreuztattoos hatten; er schildert freimütig, wie gut es sich angefühlt hat, einen Fremden das Gesicht blutig zu schlagen. Auch seine Panikattacken, die ihn bis zur Suizidalität getrieben haben, gibt er mit direkten, dafür umso eindringlicheren Worten wieder.

In diesem Jahr wird kaum ein aktuelleres Buch erscheinen

Wieviel Bolz selbst gelitten hat, wieviel Angst und Schmerz er selbst gefühlt hat, kann allerdings immer nur Erklärung sein, niemals Entschuldigung: „Aus den Umständen lässt sich vieles ableiten, aber ausgeführt habe trotzdem ich diese Handlungen, ich habe das entschieden, ich habe gedemütigt, ich habe zugeschlagen, ich habe die Verantwortung zu tragen. Das war kein schlimmer Traum, kein finsteres Märchen, das war ich.“ Der eigenen dunklen Seite so mutig ins Gesicht zu schauen, auch, wenn es weh tut – davon können wir uns als Gesellschaft eine Scheibe abschneiden, ob es nun um Pegida, den NSU oder Querdenker:innen geht. Obwohl es in „Nullerjahre“ vorgeblich um besagte Vergangenheit geht, wird in diesem Jahr kaum ein aktuelleres Buch erscheinen.

Mit „Nullerjahre“ hat es Hendrik Bolz auf unsere Liste der besten Bücher im März 2022 geschafft.

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