Honey von Imani Thompson
Zwischen Female Rage, Gesellschaftssatire und moralischer Grenzüberschreitung stellt Honey von Imani Thomson eine unbequeme Frage: Wie weit darf unsere Wut gehen?

Kaltherzig, verlogen, vielleicht sogar psychopathisch – und trotzdem tut sie etwas Gutes. Zumindest glaubt sie das. In „Honey“, dem Debütroman der britischen Autorin Imani Thompson, wird eine Schwarze Doktorandin zur Serienmörderin. Yrsa, die Protagonistin, macht Jagd auf Männer, die Frauen Unrecht getan haben. Sie erstellt Listen, gräbt in der Vergangenheit und will dort aufräumen, wo das System versagt hat. Ihre Morde sind für sie keine bloßen Akte der Gewalt, sondern die physische Antwort auf eine Gesellschaft, die Ungerechtigkeit produziert und Täter allzu oft davonkommen lässt. Dass sie dabei selbst zur Täterin wird, scheint sie zunächst kaum zu beschäftigen. Thompson bewegt sich mit „Honey“ im Umfeld der sogenannten Weird-Girl-Fiction und des Female-Rage-Diskurses, ohne sich eindeutig einem Genre zu unterwerfen. Campus-Thriller? Gesellschaftsroman? Schwarze Gesellschaftssatire? „Honey“ ist von allem etwas und entzieht sich zugleich einer klaren Einordnung.
Im Zentrum steht dabei nicht nur Yrsas Rachefeldzug, sondern auch die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, welche Gewalt legitim ist. Ihre Morde sind eng mit ihrer akademischen Arbeit verknüpft: In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit Unrecht und Afropessimismus, während ihre Gespräche mit ihrem Supervisor zunehmend erkennen lassen, wie sich ihre theoretischen Überzeugungen in eine ganz eigene, mörderische Praxis übersetzen. Was zunächst wie ein radikaler Versuch wirkt, Gerechtigkeit herzustellen, wird immer persönlicher. Aus abstrakten Fällen werden Freunde, aus einer vermeintlich klaren Mission ein zunehmend unkontrollierbarer Rausch. Yrsa scheint nicht mehr nur aus moralischer Überzeugung zu handeln, sondern auch, weil sie den Kick des Tötens sucht. Sie findet weiterhin Gründe, warum ihre Taten richtig und notwendig gewesen sein sollen. Yrsa hält sich nicht für das Monster, als das andere sie sehen könnten. Sie hält sich für diejenige, die endlich handelt.
Female Rage, Mord und Moral: Dürfen wir „Honey“ lieben?
Thompson erzählt diese Entwicklung mit einer Sprache, die ihre Leser:innen kaum zur Ruhe kommen lässt. Kurze Sätze, abrupte Gedankensprünge und ein hohes Erzähltempo versetzen die Lesenden beinahe selbst in Yrsas Zustand. Beim Lesen entsteht das Gefühl, ständig auf der Lauer sein zu müssen, immer einen Schritt vorausdenken und mit der nächsten Eskalation rechnen zu müssen. Man wird durch dieses Buch gejagt, ähnlich wie Yrsa ihrem nächsten Kick hinterherjagt – und verschlingt es deshalb fast zwangsläufig. Dabei geraten auch skurrile Situationen in den Blick, etwa wenn Yrsa als Rednerin auf einer Beerdigung spricht, die sie selbst verschuldet hat. In solchen Momenten zeigt sich das satirische Potenzial des Romans besonders deutlich. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie lange sich Yrsas Handlungen noch als gerechte Vergeltung lesen lassen. Wie weit darf Female Rage gehen, bevor sie selbst zu jener Gewalt wird, gegen die sie sich richtet? Und warum fällt es uns so leicht, männliche Autoren für Thriller zu feiern, in denen Gewalt an Frauen explizit inszeniert wird, während eine Frau, die zurückschlägt, schneller moralisch verurteilt wird? „Honey“ zwingt seine Leser:innen, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen.
Zeit für ein Urteil
Die Spannung ist über weite Strecken hervorragend aufgebaut, die zunehmende Entgrenzung der Hauptfigur nachvollziehbar inszeniert. Doch gerade dort, wo die Geschichte ihre moralischen und psychologischen Konsequenzen zuspitzen müsste, verliert sie etwas an Präzision. Das Ende kommt abrupt und löst die zuvor geschürten Erwartungen nur bedingt ein. Denn was genau passiert am Schluss? Yrsa weiß, dass ihr Menschen auf den Fersen sind, und scheint selbst zu spüren, dass ihre Grenzen immer weiter verschwimmen. Ob sie den Kreislauf durchbrechen kann oder längst nicht mehr zwischen moralischer Überzeugung, Selbstrechtfertigung und Mordlust unterscheidet, bleibt ungeklärt. Das kann man als konsequente Fortführung ihrer Entwicklung lesen: Vielleicht gibt es für Yrsa keine saubere Auflösung, keine letzte Erkenntnis und keine einfache Rückkehr in ein Leben vor der Gewalt. Trotzdem fühlt sich das Ende weniger wie eine bewusst gesetzte Pointe an als wie ein Abbruch, der eine befriedigendere Zuspitzung vermissen lässt. Die entscheidende Frage ist am Ende nicht, ob Yrsa ein guter Mensch ist oder ob sie ihre Strafe verdient. Sondern was wir uns für sie wünschen – und warum. Eine einfache Antwort gibt „Honey“ nicht. Das ist seine Stärke. Dass der Roman seine Spannung am Ende nicht ganz einlösen kann, bleibt jedoch seine Schwäche.
„Weil sie sich sicher sein wollte, dass es vorbei war, bevor sie ihn umdrehte und – mit ihren Händen auf seiner Brust – nach Hilfe schrie. Die einfältige, alberne, aufgebrachte Frau spielte.“
Wer sich für „Honey“ von Imani Thompson interessiert, sollte auch unsere Rezension zu „Haltet euch fest“ von Mareike Fallwickl lesen
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