Junk von Ilona Hartmann
Kistenweise Konsum und Krise: Wenn Ilona Hartmann in Junk die großen Sinnfragen stellt, räumt die Protagonistin nicht nur ihren Keller, sondern auch sich selbst auf.

„Junk“ von Ilona Hartmann ist unsere Buchempfehlung der Woche
Sieben Tage bleiben der namenlosen Protagonistin zwischen einer beunruhigenden Diagnose und dem Arzttermin, der alles verändern könnte. Die meisten Menschen würden verreisen, sich ablenken, vielleicht noch mal richtig leben. Sie steigt stattdessen in ihr Kellerabteil hinab und beginnt, sich durch Kisten zu wühlen. Kisten voller – ja, was eigentlich? Müll? Erinnerungen? Wertgegenstände? Die eigene Identität? Genau dieser Frage geht Ilona Hartmann in ihrem neuen Roman „Junk“ nach.
Es ist bereits Hartmanns dritter Roman, nach dem Debüt „Land in Sicht“ (2020) und dem Coming-of-Age-Buch „Klarkommen“ (2024), mit dem sie sich als eine der genauesten Beobachterinnen ihrer Generation etabliert hat. Auch in „Junk“ bleibt sie ihrem Ton treu: warm, komisch und traurig im selben Satz. Kein Wunder, dass Dirk von Lowtzow ihr attestiert, sie habe ein neues literarisches Genre erfunden: Happysad. Bei aller Schwere des Themas bleibt ihr neuster Roman ein Comfort Read.
Kurz vorm Keller-Koller
Der äußere Rahmen bleibt sieben Tage lang geschlossen, die Protagonistin verlässt den Keller kaum. Und doch wirkt nichts davon bedrückend. Denn jede Kiste, jeder Gegenstand löst einen Ausflug in die Erinnerung aus, und mit ihr tauchen wir ab – in die Kindheit, in die Familie, in frühere Versionen ihrer selbst. Der stream-of-consciousness-artige Schreibstil trägt diese Bewegung: Aus dem eigentlich stillstehenden Setting wird ein Sog, der einen tiefer und tiefer in die Nostalgie zieht, ganz so, wie es jede:r kennt, der oder die einmal kurz aufräumen wollte und plötzlich ein altes Kleidungsstück, ein Foto oder ein Notizbuch in der Hand hält und dadurch stundenlang von der eigentlichen Mission abkommt.
Inhaltlich verhandelt Ilona Hartmann damit ein Thema, das weit über die einzelne Figur hinausreicht. Warum fällt Wegwerfen eigentlich so schwer, während Kaufen so leicht geht? Nicht nur sentimental sondern auch strukturell geht sie der Frage nach: ein Klick reicht, während Entsorgen eben Aufwand ist, Infrastruktur und Entscheidungen verlangt. Aufgewachsen bei minimalistischen Eltern, die alles für Müll hielten und ihr nichts zu behalten erlaubten, hat die Protagonistin im Erwachsenenleben mit einer Gegenreaktion rebelliert. Sie sammelt und kauft aus Langeweile. Sie probiert neue Identitäten an – und wenn die nicht mehr passen landen sie im Keller. Dazu kommt eine Antiquitätenhändlerin als Randfigur, die mit dem Loslassen von Dingen ganz unverkrampft umgeht: ein Kontrastbild zur Protagonistin, das den Roman vor reiner Introspektion bewahrt.
Aufräum-Guide oder Selbsthilfebuch?
„Junk“ schafft es, die große Frage nach Leben und Tod klein und konkret zu machen. Weil Hartmann die an Kisten, Kram und Kindheitserinnerungen aufhängt, gewinnt der Roman an Leichtigkeit. Die Protagonistin erkennt inmitten ihres Krams, dass sie eigentlich viel mehr aus ihrem Leben machen will, und eine Woche des Keller-Kollers wird so zur stillen Zäsur kurz vor der eigentlichen, lebensverändernden Diagnose. Wer wissen will, was die eigenen Kisten im Keller über einen selbst verraten können, sollte dieses Buch lesen – am besten, bevor man das nächste Mal aufräumt.
Wer sich für „Junk“ von Ilona Hartmann interessiert, sollte auch unsere Buchkritik zu „Triccs“ von Marie Verse lesen.

Literatur


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