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„Matrix“ von Lauren Groff: Schwesternschaft

Buchcover „Matrix“ von Lauren Groff

In „Matrix“ erfindet Lauren Groff ein mittelalterliches Kloster, in dem Nonnen unverhoffte Freiheiten leben.

Der neue Roman „Matrix“ von Lauren Groff ist unsere Buchempfehlung der Woche. Die nur als Marie de France bekannte Dichterin hat im 12. Jahrhundert gelebt und überraschend progressive Verse geschrieben – mehr wissen wir nicht über sie. Eine perfekte Vorlage für Lauren Groff, die der historischen Marie in „Matrix“ eine fiktive Geschichte an den Hals dichtet: Als entfernte Verwandte von Eleonore, Königin von Frankreich und England, wird sie zur Priorin eines englischen Klosters ernannt – für die sture 17-Jährige wie eine Verbannung. Doch mit den Jahren gelingt es Marie, nicht nur zum Glauben zu finden, sondern auch immer mehr Einfluss zu gewinnen. Ihr unkonventionelles Vorgehen und der grenzenlose Ehrgeiz schockieren nicht nur die Krone, sondern auch das Volk, doch im Kloster wächst derweilen eine abgeschottete, aber doch freie Gemeinschaft heran, in der Frauen weitaus mehr Macht haben als in er weltlichen Gesellschaft.

Bestsellerautorin Lauren Groff nimmt in „Matrix“, buchstäblich „Muttertier“, eine allwissende Erzählperspektive ein, die selbst etwas Göttliches hat. Auch lange Zeiträume sind für sie kurz: Viel schneller als erwartet ist Marie zunächst erwachsen und dann alt, auch ihre Weggefährtinnen kommen und gehen. Mit knappen, aber sinnlichen Beschreibungen von Landschaft und Menschen beschwört die Autorin ein lebendiges Bild des Mittelalters, doch zugleich ist ihr Roman hochmodern: Da ist Maries brennende Liebe zur Königin, ihr pragmatischer Umgang mit der Religion, die Wagnisse, die sie eingeht, wenn sie sich etwa selbst dazu aufschwingt, ihren Nonnen die Beichte abzunehmen. Die echte Marie de France war keine Äbtissin, ihr Kloster hat es nie gegeben. Aber „Matrix“ lässt uns wünschen, es wäre alles wirklich so passiert.

„Matrix“ von Lauren Groff ist unsere Buchempfehlung der Woche. Zuletzt haben wir auch „Benito“ von Hendrik Otremba und „Sisi“ von Karen Duve empfohlen.