MARIO PETUZZI über die Suche nach Bedeutung in seinem sprachgewaltigen Debütroman Winterschlaf
Eine Mutter erwacht aus ihrem Winterschlaf – doch worum genau es in dem Debütroman von Mario Petuzzi geht, bleibt unklar. Es ist die sinnlich-kryptische Bedeutungssuche, die seinen Reiz ausmacht.

Mario, von den ersten Entwürfen bis zur fertigen Form begleitet dich „Winterschlaf“ schon über fünf Jahre, du wurdest mit dem Text zum Klagenfurter Literaturkurs und ins Literarische Colloquium in Berlin eingeladen. Wie gelingt es, ein Projekt so lange nicht aus den Augen zu verlieren?
Mario Petuzzi: Ich habe immer in Schüben geschrieben, den Text also immer wieder für längere Zeit weggelegt und bin dann mit Dingen, die mir in der Pause zugeflogen oder eingefallen sind, wieder zu ihm zurückgekehrt. Erst ab Seite 100, die muss ich etwa 2023/24 erreicht haben, war mir wirklich klar, dass ich „Winterschlaf“ erstens fertig schreibe und es zweitens ein Roman wird. Bis dahin habe ich regelmäßig dran gezweifelt, obwohl mich Grundidee und Figuren nie ganz losgelassen haben. Mein Glück war auch, dass dazwischen kein anderes großes Projekt meine Aufmerksamkeit brauchte, höchstens kürzere Texte für Magazine oder Wettbewerbe, wo ich mich dann austoben konnte. Dazu kommt, dass Anfang und Ende von „Winterschlaf“ schon lange feststanden, seit Klagenfurt eigentlich unverändert. Ich musste also „nur“ dazwischen einen Plot spannen. (lacht)
Es heißt, der deutsche Literaturmarkt habe ein Faible für Hyperrealistisches, der österreichische eher für Sprachkünstlerisches. Ist das die Tradition, in die du dich mit „Winterschlaf“ stellen willst?
Petuzzi: Ganz am Anfang wollte ich mich nirgendwohin stellen, gleichzeitig ist mir durchaus bewusst, dass gerade dieses Sprachverliebte doch etwas sehr Österreichisches hat, und beim Hyperrealistischen sehe ich mich natürlich gar nicht. Auf „Winterschlaf“ passen am ehesten Attribute wie „surrealistisch“ oder „magisch-realistisch“, versehen mit einem präzisen realistischen Anstrich – das war mir wichtig.
Aus irgendeinem Grund hieß es immer wieder, dass gerade diese Art von Text auf dem deutschen Markt besser funktionieren könnte – und das trotz der vielen Austriazismen, der deutlich österreichischen Sprachfärbung. Mein Lektor meinte allerdings, dass das dem Roman einen gewissen Charme, eine gewisse Eigenständigkeit verleihe, die man ihm nicht nehmen sollte.
Nun bist du bei Diogenes erschienen, einem Schweizer Verlag, der sozusagen noch einen dritten Markt aufmacht. Kannst du etwas zu deren programmatischer Einordnung sagen?
Petuzzi: Ich glaube, ich bin tatsächlich der erste Österreicher seit rund dreißig Jahren, der dort unter Vertrag genommen wurde – der letzte war meines Wissens Erich Hackl. Was die Programmgewichtung angeht, ist man bei Diogenes meines Erachtens dem magischen Realismus oder Surrealismus sicher nicht abgeneigt – aber ich muss sagen, am Anfang war ich eher überrascht über das Angebot, denn ich habe „Winterschlaf“ selbst als zu weird und abstrakt oder zu rau und düster für Diogenes gehalten. Die haben das aber gar nicht so gesehen. (lacht)
Kinderperspektiven – wie das Erzähler:innenduo von „Winterschlaf“ – klingen aus der Hand von erwachsenen Autor:innen gerne mal unnatürlich oder verkopft. Nun bist du selbst Vater einer Tochter. Hat das geholfen?
Petuzzi: Den ganzen Text würde es ohne die Geburt meiner Tochter nicht geben – oder er würde jedenfalls komplett anders ausschauen. Sprachlich ist da wenig von ihr drin, die Kinder im Buch sind sehr neunmalklug und reden oder denken mit sehr künstlichem Vokabular. In der Art, wie sie auf die Welt schauen, in den moralischen Grundsätze der Kinder, darin steckt der Einfluss meiner Tochter. Das Elternwerden – eine Geburt zu erleben, diese ganze Körperlichkeit, die da neu gelernt wird – war sicher auch fürs erste Kapitel entscheidend. Es ist ja eine einzige Geburtsmetapher.
Hast du deiner Tochter denn zurückgespiegelt, inwieweit sie den Text beeinflusst hat? Oder ihr Auszüge gegeben, um sie auf perspektivische Authentizität prüfen zu lassen?
Petuzzi: Nein, ich mache diese Dinge immer mit mir selbst im Kopf aus. Was sich natürlich zwangsläufig einstellt, wenn du mit einem Kind zusammenlebst, ist, dass du Dinge, die es wahrnimmt, mit ihm auch besprichst. Das heißt, du lernst über den Dialog wahnsinnig viel: Dinge, die im ersten Moment wenig sinnhaft erscheinen, entfalten auf einmal eine ganz andere Wahrheit. Ich denke, das ist mit das Spannendste am Vater- und Elternsein, beim Begleiten eines Kindes. Und diese Grundhaltung war sicher auch entscheidend für die Art Plot, die „Winterschlaf“ nun mal bekommen hat. Was mir auch geholfen hat, ist die Fähigkeit, mich an Kränkungen in meiner eigenen Kindheit erinnern zu können und an Situationen, in denen ich mich übergangen oder nichts ernstgenommen gefühlt habe. Damit scheine ich in meinem Freundeskreis recht allein dazustehen: Oft denke ich, wisst ihr nimmer, wie es war? Weil ich mich so gut erinnern kann an die Konflikte mit Erwachsenen, die nicht verstehen, warum das Kind, also ich, jetzt zum Beispiel Angst vor der Dunkelheit hat.
In der Literaturwissenschaft werden Figuren- und Motivgeflechte ja gern analogisiert, alles steht für etwas anderes. Ist „Winterschlaf“ als Metapher angelegt?
Petuzzi: Nicht bewusst, aber mir ist klar, dass in diesem Winterschlaf-Bild so viel Bedeutung stecken kann, dass ich zumindest versucht habe, mehreren Ebenen im Text gerecht zu werden. Also je nachdem, wie man den Text lesen will, findet man die eine oder andere Spur. Von einer Wochenbettdepression über „das sind alles Tiere, die sich Menschenkostüme übergestülpt haben“ und „alle sind Menschen außer der Mutter“ bis hin zu diesem Aspekt der ökologischen Weltheilung gab es sehr viele Deutungen. Die verrücktesten kamen dabei von Menschen, die den Text nur vom Hörensagen kannten. (lacht)
Hinter welche dieser Lesarten würdest du dich am ehesten stellen?
Petuzzi: Im Grunde hinter gar keine. Das war damals im LCB schon die Frage: Was ist der Kern des Textes, wie kann man ihn lesen? So banal es klingt: Es geht um eine Mutter, die aus dem Winterschlaf erwacht. Fertig. Dass mit diesem einen Satz natürlich wahnsinnig viel aufgeht, ist mir bewusst. Aber ich bin nicht dahergegangen und habe gesagt, ich will eine Metapher über dieses und jenes schreiben und suche mir dafür das Bild des Winterschlafs – sondern umgekehrt: Der Winterschlaf war da, darüber wollte ich schreiben, und alles, was sich dabei an Bedeutungsebenen ergeben hat, das habe ich nicht abgeschnitten, sondern zugelassen.
Die obligatorische Schlussfrage: Was kommt nach „Winterschlaf“?
Wenn ich das genau wüsste, wäre es ja für mich selbst nicht spannend. (lacht) Nach einem Winterschlaf kommt tendenziell das Aufwachen, und auch ich selbst fühle mich gerade noch ziemlich taumelnd, durch das, was in den letzten Wochen an Organisation und neuen Dingen, die man als Debütautor auch erstmal verdauen muss, eingeprasselt ist. Ehrlich gesagt habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, wie es konkret weitergeht. Es gibt definitiv einen Text, an dem ich weiterarbeiten will, der noch in eine andere Richtung geht. Aber der ist noch so wenig fortgeschritten, dass nicht klar ist, ob daraus ein Roman wird – und wenn ja, wie der am Ende vom Tage ausschaut. Es gibt vage Ideen und Stimmungen und einen Textkörper, an dem fleißig herumgeschraubt wird, aber wann und wie und was daraus geworden ist, werden wir erst in ein oder zwei Jahren wissen.
Wer das Interview mit Mario Petuzzi zu seinem Roman „Winterschlaf“ spannend fand, sollte auch unser Gespräch mit Annika Büsing zu ihrem neuen Roman „Magisch“ lesen

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