„Magisch“ von Annika Büsing: Jetzt geht es um die zweite Chance!
Die schönste und authentischste Liebesgeschichte des Herbstes? Für Annika Büsing kommt die nicht mehr ohne einen gestandenen Rechtsradikalen aus.
Annika, du erzählst in deinem neuen Roman die Liebesgeschichte zwischen den beiden Mittdreißigern Marie und Paul. Die sind zusammen aufgewachsen, waren als Jugendliche schon zusammen, und nachdem sie sich viele Jahre nicht gesehen haben, wagen sie einen zweiten Anlauf. Es geht dabei auch um Biografien, die anders als geplant verlaufen sind, doch ich wette, am meisten wird über Maries großen Bruder Andi diskutiert werden, denn der ist ein Nazi.
Annika Büsing (lacht): Ja, das denke ich auch, wobei ich natürlich hoffe, dass beides auf Interesse stößt. Meine ursprüngliche Idee war ja, dass ich eine Liebesgeschichte schreibe. Da hatte ich voll Bock drauf. Gleichzeitig ist es aber meistens so, dass erst beim Schreiben rauskommt, was mich gerade wirklich intensiv beschäftigt. Mein ehemaliger Lektor hatte auch schon gesagt: Du willst mir doch nicht erzählen, dass du ein Buch schreiben kannst, das nicht sozialkritisch ist. Und klar, ich empfinde die Spaltung der Gesellschaft derzeit als sehr, sehr massiv. Das erreicht mich durch meine Arbeit als Lehrerin natürlich über den schulischen Kontext, aber auch in den Medien geht es ja fast um nichts anderes. Es sind in den letzten Jahren Dinge sagbar geworden, von denen ich nie gedacht hätte, dass das wieder möglich sein wird. Dabei erschreckt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht.
Wie hast du dich an einen Typen wie Andi rangeschrieben?
Büsing: Ich habe mich immer gefragt, auch im Kontakt mit solchen Menschen, was eigentlich deren großes Problem ist. Woher kommt diese wahnsinnige Wut, dieser hasserfüllte Blick auf diejenigen, die als die Anderen definiert werden? Eigentlich sind das ja Leute, denen es nicht richtig schlecht geht: Andi etwa hat einen Betrieb, er ist nicht arm, einigermaßen gebildet, sportlich, und er hat Frau und Kind. Wer nimmt ihm denn etwas weg? Solche Diskussionen habe ich schon ganz oft geführt, und deswegen hat es mir wohl so sehr auf der Seele gebrannt.
Obwohl dieser Rechtsruck derzeit zu unseren zentralen Probleme zählt, kommt er in der Literatur selten bis gar nicht vor, oder?
Büsing: Ich habe den Eindruck, wenn über rechte Haltungen geschrieben wird, dann geht es fast immer um Ostdeutschland. Ich lebe mitten in NRW, und wenn man sich hier die Wahlergebnisse anguckt, dann sind wir davon auch nicht mehr allzu weit weg. Im Fernsehen wird ja auch gern diskutiert, ob dieser Rechtsruck mit der Geschichte Ostdeutschlands zusammenhängt – und da glaube ich, dass das zu kurz greift.
Es ist schwierig, weil man bei diesem Thema nicht die ganz spezifische Geschichte einer Figur erzählen kann. Sie bekommt sofort eine Metaebene und wird als Erklärungsansatz gelesen.
Büsing: Ja und nein. Ich habe als Autorin keine Antwort, und ich glaube, die Figuren haben auch keine. Wie kann man auch eine haben? Es gibt aber ganz viele Fragen und vielleicht auch so Mutmaßungen. Manchmal ist es womöglich einfach wichtig, einem common sense zu widersprechen, indem man etwa zeigt, dass nicht nur irgendwie abgehängte Leute rechts sind. Paul Magisch sagt in dem Roman: Eigentlich geht es den Faschos ja eher darum, Macht auszuüben. Das war mir mit meinem Buch wichtig: Diese tektonischen Platten mal ein bisschen zu verschieben. Vielleicht stimmen manche Gewissheiten eben nicht ganz.
Mich beeindruckt, wie nah du Andi kommst und ihn auch menschlich zeigst, gleichzeitig aber eben auf eine unglaubwürdige oder kitschige Läuterung verzichtest.
Büsing: Das sind ja Leute wie du und ich, das ist ja nicht das völlig Andere. Diese Menschen sind der Nachbar, der Arbeitskollege oder eben der Bruder. Abgesehen von diesem Weg, den Andi da eingeschlagen hat, waren Marie und er sich immer sehr nah. Innerhalb der Familie ist er ihr Gegenüber. Diese Auseinandersetzung, die sich da zwischen den beiden entspinnt, die ist total logisch, weil die beiden sich eben auch streiten. Die Eltern streiten ja nicht, die beschwichtigen nur. Und wie sich Andi am Ende zu all dem verhält, was in dem Roman passiert, bleibt ja offen. Da stelle ich nur Möglichkeiten in den Raum.
Aber wie ist das denn jetzt, wenn „Magisch“ die verdiente Aufmerksamkeit bekommt, und du plötzlich als westdeutsches Pendant zu Lukas Rietzschel in die Talkshows eingeladen wirst. Setzt du dich zu Lanz und all den anderen?
Büsing: Nee. (lacht) Wobei, sag niemals nie … Aber ich persönlich schaue auch gar keine Talkshows, weil ich es überflüssig finde, was in diesen Sendungen geredet wird. Die setzen sich da hin, und es ist von vornherein klar, wer welche Haltung hat. Und dann: rechts gegen links, Veganer gegen Fleischesser … Ich sehe mich da einfach nicht. Nur weil ich eine Geschichte geschrieben habe, bin ich jetzt nicht die Expertin für westdeutschen Rechtsradikalismus. Lassen ist ganz klar die bessere Alternative. Ich habe mit den Büchern ja meine Ausdrucksform, und ich will mich nicht auf ein Thema festnageln. Nach meinem Debüt „Nordstadt“ hatte ich das Gefühl, ich werde auf soziale Ungerechtigkeit festgelegt – und auch das hatte ich damals schon als einengend empfunden.
Für „Nordstadt“ wurdest du 2022 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, und seitdem bist du der Zuschreibung Jugendbuchautorin nie ganz entkommen. Ist „Magisch“ mit Mittdreißiger-Protagonist:innen da auch ein Befreiungsschlag?
Büsing: Das ist wirklich crazy, weil „Nordstadt“ auch nicht von meinem damaligen Verlag als Jugendbuch platziert worden ist. Ich habe mich wahnsinnig über diesen Preis gefreut, aber ich habe auch den Eindruck, dass Jugendliteratur immer diejenigen Bücher sind, von denen Erwachsene sich wünschen, dass Jugendliche sie lesen. Der Alterssprung kommt bei mir eher wegen einer thematischen Verschiebung. In den ersten drei Büchern ging es ganz viel um Befreiungsschläge: Für sich einstehen und aus bestimmten Mustern oder Beziehungen ausbrechen. Jetzt gerade interessiere ich mich mehr für die zweiten Chancen. Und eben für die Fehler, die man schon gemacht hat.
Mit „Magisch“ hat es Annika Büsing auf unsere Liste der besten Bücher im August 2026 geschafft