Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
In ihrem Debüt Mit beiden Händen den Himmel stützen erzählt Lilli Tollkien von einer traumatischen Kindheit und vermisst das Grenzgebiet zwischen Freiheit und emotionaler Vernachlässigung.

Wie frei ist eine Kindheit ohne Regeln? Die Kindheit von Lale beginnt mit dem Entzug des Sorgerechts ihrer drogenabhängigen Mutter. Von da an reihen sich traumatisierende Erlebnisse aneinander: Sie wächst in einer drogenverherrlichenden, chaotischen Männer-WG auf, zunächst auch ohne ihren leiblichen Vater. Doch das WG-Leben wird gar nicht an die Bedürfnisse eines kleinen Mädchens angepasst.
„Die Zimmer sind in mir, die ganze Wohnung. Manche Bilder haben sich in meiner Brust verkantet, und ich erinnere sie nicht. (…) Ich möchte hinaustreten, in anderen Räumen träumen, aber die Zimmer haben sich in meinen Körper eingeschrieben wie eine universelle Architektur.“
Die Brutalität und Rücksichtslosigkeit der Männer mischt sich mit einem liebevollen Umgang. Eindringlich beschreibt Tollkien, wie Lale diesem verknoteten Geflecht aus Bedrohung und Geborgenheit im Alltag ausgesetzt ist. Es scheint, als gäbe es eine erwachsene Erzählerin, die das Erlebte einordnet, aber auch immer wieder ganz nah an die kleine Lale heranzoomt und die bizarren, verstörenden Erinnerungen aus den kindlichen Augen nacherzählt, ohne sie retrospektiv zu bewerten. Es ist beeindruckend, wie sich Tollkien so intensiv in eine kindliche Wahrnehmung hineinversetzt, in Momente, in denen sich ihre Protagonistin einfach nur hilflos gefühlt hat. Auffällig ist das vor allem in den Szenen, in denen der WG-Mitbewohner Ansgar sie sexuell missbraucht. Dieser Wechsel zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion verleiht dem Roman eine Vielschichtigkeit, und sie ist verbunden mit der ständigen Aufforderung an die Lesenden, Lales Erinnerungen selbst zu bewerten und einzuordnen.
„Ich liege im Bett und meine Ohren sind offene Scheunentore, Dumbo-Ohren, dabei ist mir alles zu laut. (…) Ich höre verschiedene Arten von Atem; heißen Atem, betrunkenen Atem, schnellen Atem, höre Leder an Leder reiben. Ich höre das Atmen der Erwachsenen beim Sex, höre atemlos vorgetragene Koks-Ideen, betrunkenes Schnarchen und geflüsterte Sätze, nicht für meine Ohren bestimmt. (…) Ich höre Frauen weinen, die eigentlich wütend sind. Ich höre die lang-sa-men Sätze auf der Opiatzunge meiner Mutter verenden.“
Es gibt keinen dramaturgischen Höhepunkt, der rote Faden ist vielmehr das Älterwerden der Protagonistin und die chronologische Abfolge einzelner Momentaufnahmen und Erinnerungen aus Lales Kindheit und Jugend. All diese Fragmente sind auf der gleichen Ebene intensiv, was die soghafte Wirkung mitunter verringert. Der Realismus von Tollkiens Geschichte ist einfach zu beklemmend, um süchtig zu machen. Jedes Erinnerungsfragment wird detailreich beschrieben: Gerüche und Raumbeschreibungen, die so explizit sind, dass sie nicht ausgedacht sein können. Die Autorin beschreibt Lales Erlebnisse mit einer klaren, beobachtenden Sprache, die immer wieder mit poetischen Metaphern durchbrochen wird.
Als wäre Lales Kindheit nicht schon schlimm genug, folgen in Lales Jugend weitere existenzielle Rückschläge, sodass man sich als Leser:in fragt, woher Lale noch die Kraft nimmt, weiterzumachen. Lales Leben entpuppt sich als selbstzerstörerische Spirale einer fast schon manischen Selbstfindung. Ständig fängt sie voller Hoffnung neue Projekte an, die dann scheitern und im Nichts verlaufen. Lilli Tollkiens Debüt ist ein Roman, der einen wahrhaft ahnen lässt, wie es sein muss, mit beiden Händen den Himmel zu stützen.
Literatur


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