MUSIK

Oliver Earnest: Dieser eine Schritt nach vorn

Oliver Earnest Portrait im urbanen Umfeld
Foto: Ilkay Karakurt

„Das Album ist von diesem großen Leidensdruck getrieben: Es muss in meinem Leben noch etwas anderes passieren, was mich mehr erfüllt als das, was ich bisher so erlebt habe“, sagt Oliver Ernst Hauber. Es ist diese Dringlichkeit, die schon den Opener „Gathering Speed“ auszeichnet, wenn er umgeben von einem raumfüllenden Gitarrensound die zermürbende Ausweglosigkeit des Alltags besingt: „You say your life doesn’t feel like an adventure/More like a maze you keep escaping from/Only to realize you’re back at the centre/After each day is done/There’s another day“. Doch am Ende des viereinhalbminütigen Songs ist es gerade diese so niederschmetternde Zeile „There’s another day“, deren repetitive Wiederholung eben auch eine gewisse Hoffnung in sich trägt.

Genau diese Wandlung hat Hauber mit seinem Solodebüt vollzogen. Als Bassist der Stuttgarter Postpunkband Kaufmann Frust war er niedergeschlagen, weil es trotz einer gewissen Anerkennung nicht so recht vorwärts ging. Doch dann hat er eben diesen einen Schritt nach vorn gewagt, indem er seinen zweiten Vornamen einfach mal ins Englische übertragen und als Oliver Earnest ein Album aufgenommen hat, das es mit internationalen Größen wie Bright Eyes, Modest Mouse oder auch den Mountain Goats locker aufnehmen kann.

Das Debüt von Oliver Earnest besticht durch das Zusammenspiel von poetischen, oft sehr düsteren Texten und einem Songwriting, das auf musikalischer Ebene nicht nur abbilden, sondern auch etwas entgegensetzen will.

Natürlich hat es geholfen, dass der alte Bandkumpel Florian Stepper inzwischen als Produzent im Berliner Funkhaus arbeitet und Haubers Songs mit spannenden Arrangements und Soundspielereien veredelt hat. Und ganz sicher ist auch nicht von Nachteil, wenn ein alter Bekannter wie Kevin Kuhn von Die Nerven den Job am Schlagzeug übernimmt. Doch vor allem besticht „The Water goes the other Way“ durch dieses Zusammenspiel von Haubers poetischen, oft aber eben sehr düsteren Texten und einem Songwriting, das auf musikalischer Ebene nicht nur abbilden, sondern auch etwas entgegensetzen will.

„Ich möchte nicht, dass das Voyeuristische in den Vordergrund tritt, sondern eher, dass das Publikum in meinen Songs auch Teile von sich selbst entdeckt.“

Zwar trägt ein Song auf dem Album den Titel „Cancel Therapy“, doch will Hauber das Songschreiben auf keinen Fall mit einer Therapie gleichsetzen. „Man entwertet damit nicht nur den so wichtigen Prozess einer professionellen Therapie, sondern auch das Handwerk des Musikers“, sagt er. Statt eins zu eins ganz persönliche Geschichten zu erzählen, richtet er den Blick lieber auf detaillierte Alltagsbeobachtungen und sucht nach literarischen Bilder, die seine Befindlichkeit offenbaren. „Je persönlicher es wird, desto unzugänglicher ist es ja für andere“, sagt er und zieht damit wohl auch ganz bewusst eine Grenze zu einem Musiker wie etwa Conor Oberst, dessen Konzerte leider oft genug in einen öffentlichen Absturz gekippt sind. „Ich möchte nicht, dass das Voyeuristische in den Vordergrund tritt, sondern eher, dass das Publikum in meinen Songs auch Teile von sich selbst entdeckt.“

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