„Pulver“ von Johann Reißer
Mit „Pulver“ erzählt Johann Reißer von einem skrupellosem Turbokapitalisten, der einer der mächtigsten Männer des Kaiserreichs gewesen ist.
1858, irgendwo im Schwarzwald. Jeder im Ort kennt den frechen Max, Protagonist von Johann Reißers Debütroman „Pulver“: Statt in der elterlichen Apotheke treibt er sich lieber beim alten Pulvermüller rum. Dass er dessen Mühle einmal übernehmen und zu einem international agierenden Konzern aufbauen wird, ahnt da noch keiner. Seine Erfindungen revolutionieren die Kriegsführung und machen ihn zu einem der mächtigsten Männer des Kaiserreichs. Doch nicht allen gefällt, wie Industrialisierung und Nationalismus die Gesellschaft verändern – bis Max zum Opfer jenes schwarzen Geistes wird, den er einst beschwor …
Ein skrupelloser Turbokapitalist und einer der mächtigsten Männer des Kaiserreichs, der geradezu manisch nach Geld und Einfluss gierte, auf der anderen Seite mysteriös bis hin zu den Umständen seines Todes – das war Max Duttenhofer (1843-1903), Pulverfabrikant aus Rottweil. Über die historische Person gibt es, abgesehen von einigen kurzen Einträgen in bayerischen und nationalen Biografieverzeichnissen, dementsprechend wenig; Reißer hat die Chance gesehen und den schwäbischen Industriellen mit reichem Innenspiel ausgestattet; „sein“ Duttenhofer ist längst kein Sympath, aber doch Mensch. Als Teenager wissbegierig und pubertätsgeil; als junger Fabrikant skrupellos und einem dogmatischen Fortschrittsglauben anhängig; als Senior schließlich morphingebeutelt, paranoid.
Die Erzählung von der technischen Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst, kennt man dringender und konziser
So entsteht auf knapp 500 Seiten ein dichtes Porträt, das mit Fabulierfreude wettmacht, was es an Tempo nicht hält. Dennoch bleibt die Frage: Was fand Johann Reißer an Duttenhofer so besonders, dass er ausgerechnet ihn aus der Versenkung heben musste? Denn die Erzählung von der technischen Revolution, die ihre eigenen Kinder frisst, und die Verderbtheit ihrer Protagonisten kennt man dringender und konziser aus so ziemlich jeder Biografie der Räuberbarone der amerikanischen 1870er-90er, nicht zuletzt aus „There will be Blood“. Und „Pulver“ fügt ihr, obwohl gutes Handwerk, nichts Neues hinzu.
Mit „Pulver“ hat es Johann Reißer auf unsere Liste der besten Bücher im Mai 2026 geschafft.