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„Sechswochenamt“: Sterben in Zeiten der Pandemie

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(Foto: Filmweh/Markus Ott)

Mit ihrem so persönlichen wie universellen Debütfilm hat Jacqueline Jansen einen Nerv getroffen. Kein Wunder, dass er es bis nach Korea geschafft hat.

Jacqueline, du bist mit „Sechswochenamt“ gerade auf einem Festival in Seoul. Kommt der Film auch beim koreanischen Publikum an?

Jacqueline Jansen: Die Reaktionen der Menschen, die nach dem Film zu mir gekommen sind, war es sehr ähnlich wie in Deutschland: Menschen teilen sich mit, erkennen sich in der Hauptfigur wieder. Es war dreimal ausverkauft, und es war kein kleiner Saal. Es war total irre. Als ich damals die Einladung bekommen habe, habe ich gedacht: Das ist ein Prank. (lacht) Es ist ja auch das eine, dass sie den Film zeigen – aber mich einzuladen, um den Film vorzustellen, ist noch mal was ganz Besonderes.

Und das ist ja nicht das erste internationale Festival, bei dem der Film läuft.

Jansen: Die erste ausländische Anfrage kam schon, bevor der Film das erste Mal gezeigt wurde. Wenn ich den Film vorstelle, sage ich immer, ich habe ihn gemacht, weil ich verstanden habe, dass wir alle irgendwann Angehörige eines sterbenden Menschen sein werden. Das spricht natürlich dafür, dass er universell ist. Aber ich hätte nie gedacht, dass er weiter reist als Deutschland. Es ist schwer, zu vermitteln, wie unfassbar das ist – gerade im Hinblick auf den Kampf, diesen Film überhaupt zu machen.

Was war das für ein Kampf?

Jansen: Ich bin Filmemacherin, aber habe nicht gedreht. Dieses Projekt ist entstanden, nachdem ein anderes nicht finanziert wurde. Deshalb habe ich mit diesem Film auf freie Finanzierung gesetzt. Ich glaube, das hat sich für mich natürlich angefühlt, weil ich ohnehin Autodidaktin bin und nicht klassisch Film studiert habe. Tatsächlich war ich eine Zeitlang kurz davor, mit allem aufzuhören. (lacht) Dann hatte mein Partner die Idee, sich dieser Thematik zu widmen.

Im Film verliert die Hauptfigur Lore ihre Mutter, gerade, als die Covid-Pandemie beginnt. Wie stark ist die Prämisse von deinem Leben inspiriert?

Jansen: Der Film hat einen autobiografischen Kern: Meine Mama ist zu Corona-Zeiten an Krebs verstorben, auch in einem Hospiz. Aber danach beginnt eine filmische Reise, eine Fiktionalisierung. Als Filmemacherin interessieren mich Geschichten, die von der Herausforderung erzählen, Mensch zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass Potenzial darin liegt, für einen ganzen Film die Perspektive der Person einzunehmen, die noch da sein wird.

Auf eine Weise spiegelt die Geschichte von Lore, die sich gegen alle möglichen Widerstände durchsetzen muss, um ihre Mutter so zu bestatten, wie sie es möchte, damit auch die Entstehung des Films.

Jansen: Das habe ich erst nach und nach realisiert. Es gibt ja am Anfang die Szene, wo Lore versucht, in ihr Auto zu kommen, aber die Türen sind zu, sodass sie durch den Kofferraum klettern muss. Diese Szene fasst beides perfekt zusammen: die Reise der Figur und die Reise des Films. Viele Türen wurden zugeschlagen, zugehalten, zugedrückt. Aber sowohl Lore als auch ich finden unseren Weg durch die Irrungen und Wirrungen.

Die Fokussierung auf Lore ist radikal: Es gibt keine Szene, kaum eine Einstellung ohne sie.

Jansen: Der Film fängt an einem nicht klassischen Punkt in der Dramaturgie an, er beginnt mit dem Tod der Mutter. Ich habe mich schon gefragt: Wie kann ich maximal nah an die Hauptfigur kommen und ihre Trauer, ihren Kampf nachvollziehen, wenn ich ihre Mutter gar nicht kennenlerne? Es gab im Drehbuch von Anfang an die erste und die letzte Szene, es war immer klar, wo die Reise anfängt und aufhört. Mir war klar, dass es in diesen Momenten keinen Schnitt zwischen Figur und Publikum geben darf. Darauf beruhend haben Markus Ott, der Kameramann, und ich dann das Konzept entwickelt: Wir sind immer bei Lore, wir atmen mit ihr mit, es ist alles bis auf wenige Ausnahmen mit Handkamera gefilmt.

So etwas verlangt natürlich auch der Hauptdarstellerin viel ab. Wie hast du Magdalena Laubisch gefunden?

Jansen: Beim Casting war mir wichtig, dass die Schauspielerin nicht zu jung ist. Es sollte in dem Sinne nicht auch noch eine Coming-of-Age-Geschichte werden – auch wenn man auch das auf eine Art und Weise sicher in diesen Film projizieren kann. Durch die Zusammenarbeit mit der Casterin Susanne Ritter standen am Anfang 50 Schauspielerinnen zur Auswahl, und weil es komplett offen war, was Herkunft und Aussehen angeht, waren total viele talentierte junge Frauen dabei. Nach zwei Runden Livecastings und einem Spaziergang habe ich mich für Magdalena entscheiden. In ihr habe ich eine Schauspielerin und einen Menschen, eine Partnerin gefunden, mit der ich gemeinschaftlich das Buch und die Figur entdecken konnte.

Neben persönlicher Trauer ist auch die Pandemie Thema des Films – und wie der eine Ausnahmezustand den anderen beeinflusst. Wie war es, auf diese Zeit zurückzublicken, die viele ja eher verdrängen wollen?

Jansen: Spannend war, wie viele Leute mir empfohlen haben, das Grundrauschen der Pandemie wegzulassen. Im Spätsommer 2022 war die erste Fassung des Films fertig, und viele haben mir gesagt: Das möchte niemand mehr sehen, damit haben alle abgeschlossen. Das finde ich crazy. All die traumatischen Erlebnisse, die unterschiedlichste Individuen damals erlebt haben, wurden nicht aufgearbeitet. Irgendwie wurden die Menschen in dieser Zeit zu empathielosen Einzelkämpfer:innen. Viele waren so krass mit sich selbst beschäftigt. Dieses Element wollte ich unbedingt beibehalten, weil sich Lores Situation darin spiegelt.

Mit der Aufarbeitung tun wir uns ja auch im Privaten teilweise schwer.

Jansen: Es ist generell irre, wie wenig Platz wir in Deutschland der Trauer einräumen. Ich sehe Trauer als einen Ausdruck der Liebe. Wenn Leute verliebt sind, wenn sie heiraten, darf das alles Raum haben. Aber trauernde Menschen schieben wir an den Rand, von wegen: Fahrt mal raus zum Friedhof, da ist Platz dafür. Mein Wunsch war von Anfang an, dass der Film dabei hilft, dass wir früher in den Dialog und den Austausch treten. Wir alle haben schon mal Trauer erlebt, dazu muss nicht unbedingt jemand gestorben sein. Ich hoffe, der Film schafft es, den Schleier wegzuziehen und diese Leute wieder in die Gesellschaft zu holen.

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