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„Sunset Flip“ von Joey Goebel

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(Foto: Nate Fish/Diogenes Verlag)

Joey Goebel zeichnet in „Sunset Flip“ das sensible Porträt eines Wrestlers in den 90ern – und legt so einen extrem gegenwartssatten Roman vor.

„Sunset Flip“ von Joey Goebel ist unsere Buchempfehlung der Woche
Er ist stolz, dass er dieses deutsche Wort draufhat, weshalb Joey Goebel es auch gleich mehrfach wiederholt: „Gesamtkunstwerk“. Und tatsächlich findet der 45-jährige Autor aus Henderson, Kentucky, dass dieser Terminus ausgerechnet Wrestling perfekt beschreibt. „Es steckt einfach alles darin: Theater, Tragödie, Athletik, Fiction-Writing und in gewisser Weise sogar Ballett“, führt er aus, ohne eine Miene zu verziehen. Mit all seinen Romanen wie etwa „Vincent“ und „Heartland“ erzählt Goebel von der Kehrseite des amerikanischen Traums, und so kehrt er nun auch nach siebenjähriger Buchpause mit einem Roman zurück, der mit den 80ern und 90ern im Goldenen Zeitalter des Wrestlings in eben jener Szene spielt. Seit seinem neunten Lebensjahr ist Goebel ein Wrestling-Fan, und auch heute gilt sein Interesse keinesfalls einer Underground-Szene mit progressiveren Werten. „Was Musik und Literatur angeht, bin ich ein Snob, aber ich habe die bewusste Entscheidung getroffenen, die ganz große Mainstream-Wrestling-Welt zu verfolgen“, sagt er. Wobei Goebel ganz genau weiß, was er da tut, denn seit seiner Teenagerzeit ist die Begeisterung natürlich mit Ironie durchsetzt. „Bei Licht betrachtet ist Wrestling dumm: Männer in Unterwäsche, die sich gegenseitig anschreien und aufeinander einprügeln. Aber damit ist Wrestling eben auch eine gute Metapher für die USA.“
Wenn Goebel mit „Sunset Flip“ die toxische Männlichkeit im Wrestling ausleuchtet, wenn er von vorab gescripteten, durchchoreographierten Kämpfen und einen CEO erzählt, der gottgleich festlegt, wer Champion wird, erklärt er auch unsere Fake-News-Gegenwart. Doch Goebels größte Meisterleistung ist, dass er auch Leser:innen mitnimmt, denen Wrestling bestenfalls egal ist: mit Humor, mit einer ganz großen Liebesgeschichte und vor allem mit dem so tiefenscharfen Psychogramm seiner Hauptfigur. Der schüchterne, sensible Auggie Schnuck stammt aus einfachen Verhältnissen und träumt davon, Schauspieler zu werden. Als das nicht so recht klappt, entschließt er sich, den Umweg über die Wrestling-Bühne zu gehen, und hier feiert er schon bald Erfolge: Mit Stereoiden und viel Kraftraining wird er als The Aug zum Champion. Mit seinem Wrestling-Charakter kann er die Armut und den dürren, unsicheren Jungen hinter sich lassen, der im frühen Kindesalter von seinem Vater verlassen wurde. Doch verschwimmen die Grenzen für ihn immer mehr und Auggie kann nicht mehr zwischen seiner wahren Persönlichkeit und der Kunstfigur unterscheiden … Goebel erhöht die Eindringlichkeit, indem er nicht chronologisch erzählt, sondern eher in einer Art Rückwärtsbewegung in der Zeit springt. Und auch wenn seine Romane eigentlich nie gut enden, gelingt es ihm auch hier, ein kleines bisschen Optimismus einzuziehen. „Ich würde keine Bücher mehr schreiben, wenn ich nicht noch Hoffnung hätte“, entgegnet er schnell, wägt dann seine Worte nach längerem Überlegen aber ganz genau ab. „Die politische Situation in den USA war immer wie ein Pendel. Jetzt weist es ganz radikal zur einen Seite – aber warum sollte es nicht in absehbarer Zeit wieder ganz radikal in die andere Richtung ausschlagen?“
Hat es Joey Goebel mit „Sunset Flip“ auf unsere Liste der besten Bücher im Juni 2026 geschafft?
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